Handarbeit und Sternenstaub

4. August 2009, 19:44
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Der Astronom Hannes Richter erforscht Festkörper um alte Sterne

Hannes Richter betont, kein Theoretiker zu sein. Der Dissertant am Institut für Astronomie der Uni Wien programmiert nicht gerne, und Mathematik ist nicht sein Lieblingsthema. Sein Diplom erwarb er mit "Handarbeit und Sternenstaub": In Kooperation mit dem Astrophysikalischen Institut in Jena untersuchte er künstlich hergestellte und aus Meteoriten gewonnene Sternenstaubproben als Basis für ein Nachschlagewerk über kosmischen Staub. Je nach Zusammensetzung dieser Festkörper unterscheidet sich das Infrarot-Spektrum von alten Sternen, die oft von Staubhüllen umgeben sind. Sein Beitrag zum Atlas der Lichtsignaturen, mit charakteristischem Verlauf und Spitzen bei bestimmten Wellenlängen, gibt Orientierung bei der Stern-, Galaxie- und Planetenforschung.

"Theorien werden aufgestellt, um Beobachtungen zu erklären", sagt Richter, der sich am Wettkampf um die Beobachtungszeit an prestigeträchtigen Satelliten und Observatorien beteiligt. Seine "Staubforschung" führt der 28-Jährige in der Doktorarbeit mit Roten Riesen fort. Ihn beschäftigen die Infrarotspektren alter Sterne, deren Lichtintensität variiert.

47 Tucanae, ein Kugelsternhaufen auf der Südhalbkugel, vereint gleich mehrere gleich weit entwickelte Rote Riesen, die sich in Alter, Masse und chemischer Zusammensetzung ähneln. Der Doktorand will herausfinden, welchen Einfluss diese Basisparameter auf die beobachtbaren Schwankungen haben und ob die Unterschiede zwischen den Roten Riesen mit unterschiedlichen Phasen ihrer Pulsation zu tun haben. Bis Ende 2010 sollte die Arbeit abgeschlossen sein - wenn alles gut geht.

Derzeit prüft er nützliche Archivdaten zur Chemie der Riesensterne des kürzlich außer Betrieb gegangenen Spitzer-Satelliten. Er will aus diesem Material das Beste herausholen, um im Zeitplan zu bleiben. Es war Pech, dass bei seinem letzten gewährten Beobachtungsslot das Infrarot-Spektroskop ausgefallen war. Um eine weitere Beobachtungsperiode mit dem Teleskop Gemini auf dem Cerro Pachón in Chile hat er sich bereits erfolgreich beworben.

Zugang zum Fach fand Hannes Richter über Science-Fiction-Filme. Die Raumschiff-Action interessierte den Wiener weniger als die Erforschung neuer Dimensionen. Eine Astronautenkarriere kam als Brillenträger nicht infrage, aber das Fach hielt andere Annehmlichkeiten bereit: Spannende Physik und den intimen Rahmen der Sternwarte, in dem Studierende von Anfang an nah am wissenschaftlichen Geschehen sind.

Da die Uni im Rahmen des Initiativkollegs "The Cosmic Matter Circuit" nur eine Teilzeitstelle finanziert, verdingt er sich im Planetarium Wien als Show-Operator und frönt so seiner zweiten Leidenschaft: der Kommunikation. "Wenn man mich heute nach meinem Beruf fragt, bin ich Astronom", stellt er klar. An der Publizistik in Wien studierte er zwei Jahre Öffentlichkeitsarbeit und vertiefte das Know-how bei diversen Medien und in einer Agentur. Das zweite Standbein ist ihm wichtig - auch weil seine Freundin gerne vier Kinder, zwei Zwergschafe und ein Hängebauchschwein in der Familie hätte. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 05.08.2009)

  • Hannes Richter beschäftigen die Infrarot-Spektren alter Sterne, deren Lichtintensität variiert.
    foto: privat

    Hannes Richter beschäftigen die Infrarot-Spektren alter Sterne, deren Lichtintensität variiert.

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