"Sparprogramme treffen uns hart"

3. August 2009, 17:34
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Die Reisebranche steht vor einer tiefen Umwälzung. Das Verkehrsbüro möchte dabei obenauf schwimmen

STANDARD: Viele Menschen haben mehr Freizeit, als ihnen lieb ist. Täuscht der Eindruck, oder tut sich die Tourismusindustrie schwer, geeignete Angebote für Menschen in Kurzarbeit oder in Arbeitslosigkeit zu schnüren?

Nograsek: Solche Menschen müssen nicht auf Urlaub verzichten. Mit Hofer Reisen haben wir eine Direktvertriebsschiene mit sensationell günstigen Angeboten.

STANDARD: In Zeiten der Krise wird es zunehmend wichtig, möglichst preiswerte Angebote zu haben?

Nograsek: Auf jeden Fall. Das zeigt die Entwicklung bei Hofer Reisen. Im ersten Halbjahr hatten wir einen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich. In absoluten Zahlen war das Plus dementsprechend groß, da wir ja im Vorjahr schon 324.000 Hofer-Kunden betreuen konnten. Die Nachfrage für Diskontprodukte ist also da.

STANDARD: Und für teurere?

Nograsek: Im High-End-Bereich funktioniert es noch ganz gut. Schwierig ist das mittlere Segment, etwa Familienreisen.

STANDARD: Welche Rolle spielt die Psychologie, Angst vor Jobverlust?

Nograsek: Im Geschäftsreisesegment, das stark eingebrochen ist, spielt das keine Rolle. Die Krise ist dort real, Ausgaben werden gekappt. Wir merken das in unseren Hotels, die auf Firmenkunden ausgerichtet sind. Die Sparprogramme der Unternehmen treffen uns hart. Im Freizeitbereich ist das Bild durchwachsen, da spielt die Psychologie mit hinein. Viele, die verreisen möchten, fragen sich, ob sie im Herbst noch einen Job haben.

STANDARD: Was macht man als Tourismuskonzern in dieser Situation?

Nograsek: Unsere Kompetenzen herausstreichen, beispielsweise in der Beratung. Der Kunde will jetzt noch genauer wissen, wofür er sein Geld ausgibt. Unser Ziel ist es, auch in Krisenzeiten zusätzliche Marktanteile zu gewinnen.

STANDARD: Rechnen Sie mit einer Marktbereinigung in breitem Stil?

Nograsek: Das ist das normale Gesetz der Krise. Wenn es weniger Nachfrage gibt, schrumpft die Zahl der Anbieter.

STANDARD: Wer ist gefährdet?

Nograsek: Alle, die kein scharfes Profil haben.Wer in einer Nische tätig ist, hat diese in der Regel ganz gut abgedeckt und kann auch gut verdienen. Wer mit einem mittelgroßen Bauchladen herumläuft, hat es schon schwerer. Das Um und Auf aber wird sein, wie ein Unternehmen finanziell aufgestellt ist. Je größer die Fremdkapitalkomponente, umso schwieriger wird es.

STANDARD: Wie sieht es in puncto Cash beim Verkehrsbüro aus?

Nograsek: Sehr gut. Wir haben in unserer Bilanz keinen Euro Bankverbindlichkeiten.

STANDARD: Wollen Sie an der Konsolidierung auch in Osteuropa aktiv mitmischen?

Nograsek: Wir warten, was auf den Markt kommt. Zuletzt waren die Preise überteuert.

STANDARD: Kommen jetzt schon interessante Objekte auf den Markt?

Nograsek: Es geht schon los. Die Frage ist, ob die Krise schon vorbei ist oder ob es im Immobilienbereich nochmals billiger wird. Wir gehen eher davon aus, dass die Krise doch nachhaltiger ist, wir werden noch zuwarten.

STANDARD: Wenn Sie sich ein halbes Jahr zurückversetzen, was haben Sie in Ihrer Vorschau unterschätzt?

Nograsek: Den Einbruch im Geschäftsreisesegement haben wir in diesem Ausmaß nicht vorhergesehen. Wir liegen beim Umsatz bei minus 25 Prozent. Die Anzahl der Tickets ist weniger stark gesunken; Statt First Class wird Business gebucht. Und im Freizeitbereich liegen wir um neun Prozent unter dem Vorjahr, wobei der Preisverfall dort weniger ausgeprägt ist. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 4.8.2009)

Zur Person

Harald Nograsek (50) ist seit 2007 Generaldirektor der Verkehrsbüro Group. Der Grazer kam 2004 aus dem Beteiligungsmanagement der Bank Austria als Finanzvorstand ins Verkehrsbüro.

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    foto: corn
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