Behörden suchen Gespräch mit Adamovich

3. August 2009, 13:24
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Mediengespräche des Leiters der Evaluierungskommission sorgten für Irritation - Scharfe Kritik vom Anwalt des Opfers

Wien - Ludwig Adamovich, der Leiter der vom Innenministerium eingesetzten Evaluierungskommission in Sachen Natascha Kampusch, hat am Wochenende mit Interviews in verschiedenen Medien erhebliche Irritationen im Umfeld des Entführungsopfers ausgelöst. In der Sonntag-Ausgabe der "Kronenzeitung" hatte Adamovich unter anderem erklärt, die Zeit ihrer Gefangenschaft wäre für Kampusch womöglich "allemal besser" gewesen "als das, was sie davor erlebt hat".

"Entbehrliche Spekulationen"

Während Kampuschs Anwalt Gerald Ganzger Adamovichs "entbehrlichen Spekulationen" scharf kritisierte und die Oberstaatsanwaltschaft persönliche Gespräche mit dem Ex-Verfassungsgerichtshofpräsidenten ankündigte, zeigte sich das Innenministerium mit der Vorgangsweise und Leistung der Kommission durchaus einverstanden."Es ist ja so, dass anhand des Falls Kampusch die Ermittlungsfortschritte beobachtet werden", sagte Martin Brandstötter, Sprecher von Innenministerin Maria Fekter. Diese Aufgabe sei nicht zu weit oder zu eng gefasst "und somit sind wir mit der Arbeit der Kommission zufrieden".

Zu Medienberichten und den jüngsten Interviews von Adamovich wolle man keine Stellungnahme abgeben, erklärte Brandstötter. "In dem Schreiben an die Innenministerin schlägt die Kommission einen weiteren Zwischenbericht vor, den wir jetzt einmal abwarten."

Nicht so gelassen sieht die Causa Kampuschs Anwalt: "Wogegen wir uns wehren, sind einerseits die öffentliche Abhandlung des Konflikts zwischen den Behörden und vor allem auch die Spekulationen des Vorsitzenden über Sachen, die mit den Ermittlungen überhaupt nichts mehr zu tun haben", kritisierte Ganzger Adamovichs Interviews. "Spekulationen, 'wie arg es war', sind entbehrlich." Das gelte auch für Mutmaßungen über einen Einzug in das Haus ihres Entführer Wolfgang Priklopil: "Ob sie jetzt dort wohnen will oder nicht, ist für die Erhebungen irrelevant, natürlich will sie nicht dort wohnen", so Ganzger.

"Es wehrt sich niemand gegen eine sachliche Diskussion der Evaluierungskommission und wenn es notwendig ist, Frau Kampusch nach sieben Einvernahmen und einer zivilrechtlichen Einvernahme noch einmal zu befragen, dann wird sie dieser Ladung Folge leisten", befürwortete der Anwalt der 21-Jährigen weiterhin sachliche Ermittlungen. "Wenn etwas da ist, soll es intern knallhart auf den Tisch gelegt werden - wenn die (Kommissionsmitglieder Anm.) irgendetwas wissen, was die anderen nicht wissen. Aber das würde mich wundern."

Keine rechtlichen Schritte

Rechtliche Schritte plant Ganzger nicht: "Klagen lösen das Problem nicht", betonte er. Natascha Kampusch wolle keine Sonderbehandlung, es solle auch keinen Maulkorb-Erlass geben. "Aber das geht weit über alles hinaus, läuft aus dem Ruder und dient auch nicht der Sache", so der Jurist über die Interviews. "Und die Wortwahl ist einem Opfer auch nicht zuzumuten."

Der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft (OStA) Wien, Werner Pleischl, kündigte an, sich umgehend mit Adamovich treffen zu wollen. Adamovich solle ihm persönlich seine Bedenken zu den bisherigen Ermittlungen um die Kampusch-Entführung darlegen, so Pleischl. Auf in Medien Kolportiertes reagiere er nicht, lehnte der OStA-Chef ein Statement zu den jüngsten Aussagen Adamovichs ab: "Zurufe in der Öffentlichkeit halte ich in dieser Situation für unangebracht."

Offen ist vorerst, ob von der im Vorjahr gegründeten "SoKo Kampusch" im Bundeskriminalamt (BK) die von Adamovich verlangten weiteren Ermittlungsschritte gesetzt werden. In Interviews stellte der Kommissions-Leiter auch eine neuerliche Vernehmung Kampuschs in den Raum. Bei der Staatsanwaltschaft (StA) Wien, die derartige Erhebungen anordnen müsste, will man zunächst abwarten, bis die SoKo die im November 2008 beantragten Vernehmungen im Bekanntenkreis des Kampusch-Entführers abgeschlossen und schriftlich dokumentiert hat. Wie Behördensprecher Gerhard Jarosch erklärte, werde man dann die Einvernahmen dahingehend prüfen, ob sich daraus "Anregungen" für ergänzende Erhebungen ableiten lassen.

Laut dem BK gibt es in der Causa nach wie vor offene Befragungen."Über Inhalte sprechen wir nicht", so SoKo-Sprecher Gerhard Lang. Seit November 2008 habe man 102 Personen befragt und drei schriftlich einvernommen sowie sechs Berichte an die StA übermittelt."Wir arbeiten so schnell es geht", betonte er. (APA)

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