"Eine nukleare Terrorattacke ist unausweichlich"

31. Juli 2009, 17:51
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OSZE-Terrorbekämpfer Raphael Perl rechnet mit einem großen Anschlag islamistischer Terroristen in Europa

Seit einigen Jahren fänden zwar viel mehr separatistisch motivierte Terrorattacken statt, das heiße aber nicht, dass Al-Kaida nicht einen "großen Knall" plane, sagte er zu Christoph Prantner.

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STANDARD: Europa fürchtet sich seit Jahren vor Terrorattacken islamistischer Extremisten, aber Separatisten in Spanien oder griechische Radikale zünden Bomben. Wie erklären Sie sich diese Divergenz?

Perl: Die Europol-Statistiken verzeichnen für 2008 515 erfolgreiche oder vereitelte terroristische Attentatsversuche. Rund 400 davon waren separatistisch motiviert. Die unmittelbarste Bedrohung für Europa scheint also von Separatisten, von Links- oder Rechtsextremen und erst dann von Al-Kaida auszugehen. Separatisten zielen nicht darauf ab, den Staat zu zerstören. Al-Kaida dagegen will die Wirtschaft und staatliche Strukturen vernichten, versucht, eine höchstmögliche Zahl von Menschen zu töten. Das mag das Bedrohunggefühl der Europäer erklären.

Dass es hier derzeit keine islamistischen Anschläge gibt, hängt wohl damit zusammen, dass wir einen großen Teil unserer Ressourcen in die Bekämpfung Al-Kaidas investieren. Das limitiert ihre Fähigkeiten. Aber das heißt nicht, dass sie nicht neue Attacken planen und noch größeren Schaden anrichten wollen, als sie es bisher schon getan haben. Wir können heute mit einer Attacke leben, die der Wirtschaft schadet oder 100 Menschen tötet. Wir können nicht mit einem Anschlag leben, bei dem eine Million oder zwei Millionen Menschen umkommen.

STANDARD: Sie schreiben in Ihren Berichten, dass Al-Kaida einen "großen Knall" brauche, um weiterexistieren zu können. Der müsste dann wohl chemisch, biologisch oder sogar nuklear sein.

Perl: Vermutlich, ja. Das wird wohl passieren, das ist unausweichlich. Ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei nahezu 100 Prozent. Man kann keine absolut dichten Verteidigungslinien um Länder errichten. Wann es passieren wird, ist sehr schwer zu sagen. Vielleicht in den kommenden zehn Jahren. Die Grenzen sind offen, Nukleartechnik kann nicht in einer Box verschlossen werden. Es ist für diese Gruppen möglich, solche Materialien zu erhalten, sie können sie zu Waffen verarbeiten und sie haben den festen Vorsatz diese auch einzusetzen.

STANDARD: Sprechen Sie von Dirty Bombs (konventionelle Sprengsätze, die Nuklearmaterial enthalten, Anm.) oder Atombomben?

Perl: Von beidem. Eine solche Nuklearattacke oder ein biologischer Angriff würde mit Sicherheit den größten Schaden anrichten.

STANDARD: Welche europäischen Länder sind der höchsten Gefahr ausgesetzt?

Perl: Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Terroristen suchen sich "weiche Ziele" aus, jeder Ort kann so ein weiches Ziel sein. Al-Kaida versucht das Wirtschaftssystem zu schädigen, um eine Radikalisierung in breiten Bevölkerungsschichten zu erzeugen. Wenn Tourismus-, Transport- oder Energieinfrastruktur angegriffen wird, hat das Auswirkungen auch auf Handel und Finanzwelt. Die Auswirkungen solcher Attacken sind nicht durch nationale Grenzen limitiert. Diese Trends lassen sich übrigens genauso aus den jüngsten Attacken der Eta oder einem Anschlag in Indonesien herauslesen. Genauso wie der Trend, sich nicht mehr zu Angriffen zu bekennen. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.8.2009)

Zur Person:
Raphael Perl ist seit 2007 Leiter der Antiterroreinheit der OSZE in Wien. Der Amerikaner war zuvor Chefanalyst für Terrorismus-, Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung beim U.S. Congressional Research Service in Washington D. C. Die OSZE-Antiterroreinheit arbeitet mit ihren Mitgliedsstaaten an einer besseren Grenzsicherung und an Strategien gegen die Radikalisierung. Sie widmet sich auch dem Internet als Instrument von Terroristen sowie neuerdings dem Schutz touristischer Infrastruktur.

  • Raphael Perl, Chef der OSZE-Antiterroreinheit.
    foto: osze

    Raphael Perl, Chef der OSZE-Antiterroreinheit.

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