Zurück zur Natura Mirabilis

29. Juli 2009, 16:41
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Staunen über die eigene Kulturlandschaft im kaum bekannten steirischen Naturpark Sölktäler

Zwei, drei Kehren noch auf dem alten Säumerpfad, dann müsste Machu Picchu eigentlich auftauchen. Wäre da nicht der Unterschied von 500 Höhenmetern und von ein paar Hundert nie bezahlten Euro für das Flugticket nach Peru, man wähnte sich hier am Sölkpass in den Niederen Tauern tatsächlich in den Anden. Nicht zuletzt, weil fast parallel zur Passstraße, die das steirische Enns- mit dem Murtal verbindet, bereits seit 6000 Jahren ein Handelsweg verläuft, dessen teilweise noch gut erkennbare Trasse durch eine uralte und sattgrüne Kulturlandschaft führt.

Auch wenn sich der Vergleich mit den peruanischen Anden optisch einfach aufdrängt (sieht man einmal von den 2000 Besuchern pro Tag in Machu Picchu ab), das heuer verstärkte Engagement der sieben steirischen Naturparke ist keines, das auf Imitation abzielt. Im Gegenteil, jedes der völlig unterschiedlichen Schutzgebiete vom steirischen Weinland bis in hochalpine Gefilde thematisiert vielmehr den lokalen Lebens-, Arbeits- und Rückzugsraum. Und das Forschungsinteresse an den nahen, vielleicht sogar eigenen, kulturellen Identitäten mag ja von Zeiten geringerer Reisebudgets vielleicht sogar gestärkt werden.

Der Naturpark Sölktäler ist einer der ältesten steirischen Naturparke, zu forschen hat man hier bereits sehr früh begonnen. Im Schloss Großsölk, das heute als Naturparkhaus genutzt wird, "blättert" man in den 200 Jahre alten, digitalisierten Tagebüchern des Johann von Hohensee: Eine "Natura Mirabilis" beschreibt er darin - eine zum Staunen -, mit fleischfressenden Pflanzen im Bräualmmoor, aber eben auch eine, die bereits Bretteljause essende Wanderer in den vielen Almhütten ankündigt.

Wenn auf der Breitlahnhütte das Satellitentelefon neben dem "Steirerkas" läutet, und das Freibad in Mößna dank Solarzellen konstant bei 24 Grad temperiert bleibt, wird klar, in welcher Zwickmühle sich die Naturparkverwaltung sieht: "Das harte Leben in den Bergen" heute noch glaubwürdig zu vermitteln ist kein einfaches Unterfangen. Und dennoch bleibt es das Generalthema der Erlebnisprogramme, die vor allem für Kinder mit Familien gedacht sind:

Montags den Schwarzensee und -bach als Kühlschrank erkennen, dienstags Brot backen in der Trogermühle, und mittwochs Pyrit rösten für die Kupfergewinnung im Thaddäus-Stollen. Für jeden Wochentag gibt es hier einen Plan, der den urbar machenden Bezug der Menschen zur ihrer Umwelt nacherzählen soll. Außer natürlich für den Sonntag, denn wie im Mesnerhaus von Sankt Nikolai aus dem Jahr 1639 unmissverständlich in einer kulturgeschichtlichen Ausstellung klargestellt wird, hat dieser Tag heilig zu bleiben.

Ja, spazieren gehen kann man vielleicht am Sonntag, das ist den meisten hier auch heilig. Hinauf bis zu den Klafferkesseln und weiter ins Sattental, wo einen der "Tälerbus" abholt und zurückbringt; der hält auch in den Sölktälern - bis zu sechsmal täglich für vier Menschen pro Quadratkilometer. (Sascha Aumüller/DER STANDARD/Printausgabe/26./27.7.2009)

  • Die "anderen Anden": Das weiche Kristallingestein der Niederen Tauern ist der Nährboden für den grünen Teppich vorm Sölkpass.
    foto: stg/popp-hackner

    Die "anderen Anden": Das weiche Kristallingestein der Niederen Tauern ist der Nährboden für den grünen Teppich vorm Sölkpass.

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