Traugott Buhre ist tot

27. Juli 2009, 18:08
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Der deutsche Charakterschauspieler brannte sich nicht nur als Thomas-Bernhard-Held ins Gedächtnis ein

Essen - Sein durchschlagendster Auftritt - als Theatermacher Bruscon in Thomas Bernhards gleichnamigem Stück 1985 - vollzog sich gravitätisch, komisch, in jedem Fall unvergesslich bleibend. "Als ob er es geahnt hätte" , postulierte Traugott Buhre, sei er in einem oberösterreichischen Wirthaussaal gelandet. "In Utzbach wie Butzbach" , wo er Fritattensuppe aß und sein "Rad der Geschichte" (eine Art Enzyklopädie der wichttigsten Menschheitsvorkommnisse als inferiores Kostümkabarett) mit bösen, ruppigen Einwürfen zum Durchdrehen brachte.

Buhre lieferte als Thomas-Bernhard-Gestalt (in Salzburg, in Wien) das herzerwärmende Abbild eines im Grunde unleidlichen Menschenschlages. Der gebürtige Ostpreuße und Pfarrerssohn, der als Jugendlicher Kierkegaard las und bereits in den 1940ern den großen Will Quadflieg auf der Hamburger Schauspielhaus-Bühne anhimmelte, verstand sich mit schütterer Sturmfrisur und ehrfurchtgebietender Nase darauf, gefallenen Menschenkindern die Leviten zu lesen.

Buhre, der nach Stationen in Bochum, Stuttgart und Frankfurt vor allem ab den 1970ern in Bochum und Hamburg reüssierte, war eine Respektsperson: ein schwerer, grobknochiger Empörer, der freilich über eine hinreißende Suada gebot, dessen Augen zugleich listenreich funkelten.

Vielerlei Triumphe

Man muss, mit Blick auf seine späteren Thomas-Bernhard-Triumphe, darauf hinweisen, dass der begnadete Rezitator bereits unter Peter Palitzsch, später dann unter Andrea Breth wahre Triumphe feierte. Wer kann jemals vergessen, dass Buhre als Dorfrichter Adam (Regie Breth) in Kleists Der zerbrochne Krug als splitternackter, erster Mensch vom Himmel gefallen war - sündhaft von Anbeginn, um sein Leben schachernd, schier überschnappend vor wohlmeinendem Entzücken?

In Claus Peymann schien der Einzelgänger Buhre dann seinen kongenialen Spielleiter gefunden zu haben. Traugott Buhres Nathan (Bochum) gebot als milder Schirmherr über die untereinander verfeindeten monotheistischen Religionen. Er tat dies als unendlich liebenswürdiger Narr - der Gebieter über ein wahres Kinderreich unter Palmen. Man musste freilich zweimal hinschauen, um die Untröstlichkeit dieses Menschenfreundes als die zuinnerst intendierte, tragödische Mitgift zu begreifen.

Und so darf niemals außer Blick geraten, was Buhres fantastisches Geschenk an Film, Fernsehen und Theater ausmachte: Sein ungerührtes, dann wieder verdutztes Einstimmen in Verhältnisse, die man "autoritäre" (oder wenigstens unleidliche) nennen mag.

Dieser massige, stets bewegliche Fantasiekopf konnte im Schubert-Film Mit meinen heißen Tränen von Fritz Lehner einen ehrfurchtgebietenden Lehrer geben, der seinem Sohn die schönen Lieder mit unnahbarer Strenge vergalt. Buhre war auch Faust (in einer Inszenierung des Gegen-den-Strich-Kehrers Hans Hollmann 1979) - in ihm wohnte das grübelnde, zugleich versonnene Wesen eines Menschen, der dem von Haus aus "metaphysischen Charakter" deutscher Selbstbefragungskultur ein gerütteltes Maß an Grazie zurückerstattete.

Aus der Zentrale der Ruhrtriennale in Essen verlautbarte nun, dass Buhre bereits in der Nacht auf Sonntag gestorben ist. Seine Mitwirkung an dem nordrhein-westfälischen Festival hatte der überzeugte Familienmensch (sieben Kinder) bereits vorher absagen müssen. Unterm Strich bleibt eine letzte Fernsehrolle 2008: in einem Tatort-Krimi mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers.

In Österreich ewig erinnerlich bleiben wird Buhre als ein Bruscon, der mit Schlapphut und Radmantel den unverrückbaren, heimischen Verhältnissen wie ein Zauberkünstler gebot. Der der Fantasie aufhalf - und jeden Widerstand niederzuwispern verstand, wenn er nur über genug Geduld verfügte. Und mit den Augen funkelte. Buhre wird fehlen. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 27.07.2009)

  • Traugott Buhre: liebenswürdiger Schauspielhandwerker.
    foto: der standard / semotan

    Traugott Buhre: liebenswürdiger Schauspielhandwerker.

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