Die Polen sind so glücklich wie noch nie

26. Juli 2009, 18:09
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In einer Erhebung geben 76 Prozent an, ein glückliches Leben zu führen - Tatsächlich sind die polnischen Einkommen seit 2003 um 37 Prozent gestiegen, dafür lässt die Religiosität nach

"Ich habe meinen eigenen Augen nicht trauen wollen, als ich das Ergebnis des neuesten Sozialerhebung sah" , bekennt Janusz Czapiñski, Polens berühmtester Sozialpsychologe. "So glücklich waren die Polen wohl noch nie. Und das trotz Wirtschaftskrise!" 26.000 Personen hatten die Mitarbeiter des Warschauer Hauptamtes für Statistik in ganz Polen befragt. In der Stadt und auf dem Land. So viele wie nie zuvor. Ganze 76 Prozent gaben an, ein "glückliches" oder sogar "sehr glückliches" Leben zu führen. Die Familie halte zusammen, das Einkommen und der Lebensstandard steige. Freunde, auch die aus dem Internet, seien immer wichtiger. Dafür verliere die Kirche an Bedeutung.

"Die meisten Polen kennen die Krise nur aus dem Fernsehen" , erklärt Professor Czapiñski. "Eine größere Entlassungswelle hat es in Polen schon seit Jahren nicht gegeben. Die meisten machen ganz andere Erfahrungen. Arbeit beginnt, sich zu lohnen. Auch in Polen." Der Optimismus sei also völlig gerechtfertigt. Bevor die Polen sich übermäßig verschulden konnten, sei das Vertrauen in den Banksektor gesunken. Das wiederum habe viele davor bewahrt, einen vor Jahresfrist noch "billig" wirkenden Kredit aufzunehmen, der jetzt nur schwer zurückzuzahlen wäre. Jacek Santorski wiederum, ein bekannter Wirtschaftspsychologe, führt den Optimismus der Polen auf die seit Jahren steigenden Einkommen und Gehälter zurück: "Seit 2003 sind die Einkommen in Polen um über 37 Prozent gestiegen." Polnische Krankenschwestern und LehrerInnen verdienen heute umgerechnet 800 bis 1200 Euro, Ärzte und Journalisten kommen auf 2000 bis 3000 Euro. Und die Managergehälter haben längst westliches Niveau erreicht.

Emigrationswelle verebbt

Gaben 1993 noch 74 Prozent der Befragten an, dass ihr Einkommen kaum zum Leben reiche, sind es in diesem Jahr nur noch 28 Prozent. Die Folge: die Emigrationswelle nach Großbritannien und Irland verebbt allmählich. Auch könnten einige Polen zurückkehren. Würden polnische Unternehmer für hervorragende Englischkenntnisse einen Tausender drauflegen, könnte sich für viele Emigranten der Umzug von London nach Warschau oder Lodz wieder lohnen.

Allerdings zeigt die Sozialerhebung auch, dass die Religiosität der polnischen Katholiken immer stärker nachlässt. Nur noch 44 Prozent aller Befragten besuchen regelmäßig die Sonntagsmesse, 31 Prozent geben sogar an, den Kirchenbesuch völlig aufgegeben zu haben. Für den Religionssoziologe Edward Ciupak ist ein Zeichen für die allmähliche Übernahme des westlichen Modells, in dem der Glaube sich weniger am Kirchenbesuch, denn am Bekenntnis zu bestimmten Werten festmachen lässt. In Polen sei die katholische Kirche immer dann besonders wichtig gewesen, wenn Freiheit und Demokratie gefährdet waren, also in der Teilungszeit des 18. und 19. Jahrhunderts, während des Zweiten Weltkriegs und der Volksrepublik bis 1989. "Der Kirchgang war in diesen Zeiten eine Form des politischen Protests" , erklärt Ciupak. "Inzwischen ist in Polen aber schon eine ganze Generation herangewachsen, die nie erfahren hat, dass Religiosität auch etwas mit einer politischen Einstellung zu tun haben könnte" . Zudem habe der "Papst-Pole" die Jugend zu begeistern gewusst. Davon könnte bei Benedikt XVI. keine Rede sein. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 27.7.2009)

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    Immer mehr Spaß in Polen: Beim alljährlichen Schlammfestival in Chudow wälzt man sich im Dreck, der sogar heilsam ist.

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