Eine delikat-diskrete Menscheninstallation

26. Juli 2009, 17:49
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Christof Loy setzte auf präzise szenische Reduktion und bescherte den Festspielen einen überraschenden Erfolg

Salzburg - Es ist zwar nahezu von bürokratischer Unoriginalität, ein Festival mit dem Werk eines Komponisten zu belasten, nur weil der seit langem Verblichene heuer ein Jubiläumsjahr absolviert. Von diesem dann keine Oper, vielmehr ein Oratorium zu wählen und dieses auch noch an den Beginn der Festspiele zu setzen, dies wirkt zusätzlich skurril, zumal man ja ohnedies bei den Pfingstfestspielen dem Barock huldigt.

Welch Unoriginalität und planerischer Zwang zu dieser Entscheidung geführt haben mochten - dieses Unterfangen entpuppte sich als mutiger Akt der Erinnerung daran, worum es trotz all des Society-Lärms rund um die Festspiele vornehmlich gehen könnte: Nicht um eine leichtgewichtige Fortsetzung der Party- und Blitzlichtstimmung mit den Mitteln unverbindlichen Theaters - sondern um eine präzise, die Geduld zweifellos strapazierende Ausleuchtung musiktheatralischer Möglichkeiten.

Regisseur Christof Loy hat es dabei auch geschafft, die heiklen Dimensionen des Festspielhauses zu instrumentalisieren. Statt den Raum zu verkleinern, kostet er dessen opulente Ausmaße aus, um die Verlorenheit einzelner Individuen zu zeigen und die Nähe oder Distanziertheit innerhalb derer Beziehungen transparent werden zu lassen. Die kahle Bühne hat in ihrer Mitte zwar eine riesige Kirchenorgel (Bühnenbild: Annette Kurz). Der Rest der Requisiten jedoch besteht nur aus Stühlen, auf denen der Chor nie zur starren Erweiterung der Publikumsmenge wird. Loy ist hier eine Menscheninstallation gelungen, die frei von verzierendem und effekthascherischem Opernaktionismus Wert auf delikate Ausleuchtung der Charaktere legt. Einen dermaßen bewussten Umgang mit Figuren würde man den meisten Operninszenierungen wünschen. Und: Nebenbei hat Loy sogar das Motto dieser Festspiele ("Das Spiel der Mächtigen" ) mit Sinn erfüllt.

Anstatt bei Theodora dem Konflikt zwischen sich opferndem Frühchristentum und alter römischer Machtwelt zu bebildern, gerät ihm das Oratorium zum Exempel des Spiels eines Mächtigen. Er, Statthalter Valens, waltet hier seines gewalttätigen Amtes nicht aus gesetzestreuen Gründen. Er kerkert Theodora ein, demütigt sie, die schließlich gemeinsam mit Didymus gleichsam in den Liebestod geht, rein aus Gründen gekränkter Eitelkeit eines Abgewiesenen.

Johannes Martin Kränzle (gesanglich makellos) liefert dabei das Meisterporträt eines Neurotikers der Macht, der seine Position durch Drangsalierung seiner Umwelt auskostet und im Verborgenen zum Angstklumpen wird. Ihm gegenüber beharrt Theodora in verkrampfter Unerbittlichkeit auf ihre Autonomie. Christine Schäfer wirkt in Pianopassagen zwar zu dezent. Wie sie mit Klang resignative Weltverlorenheit ausgestaltet, ist indes frappierend. Wie auch ihre Fähigkeit, mit dezenten Mitteln szenische "Pointen" zu setzen.

Orgelkonzert inklusive

Überhaupt ist vermittelt worden, welche szenische Intensität auch im Reduktionismus steckt, wie man eine ausufernde Zeitstrecke mit Personenführung und Massengestaltung (delikat der Salzburger Bachchor) gut in den Griff bekommt. So kann sich Loy sogar leisten, in die mehr als vier Stunden dauernde Meditation über die szenischen Möglichkeiten des Unszenischen ein Orgelkonzert von Händel einzubauen.

Es wird zur Begleitung einer Art Traumsequenz, in der sich Theodora bei Valens zu revanchieren sucht. Es war in Summe ein Sieg der Intimität über protzigen Aktionismus, an dem auch Bejun Mehta (grandios als Theodora sehr zugeneigter Didymus), Joseph Kaiser (als klangschön agierender Septimus, der nur bei Koloraturen seine Grenzen erlebte), Bernarda Fink (als etwas unscheinbare Irene) und Ryland Davies (solide als Bote) mitwirkten. Das Freiburger Barockorchester agierte unter der Leitung von Ivor Bolton präzise.

Es hätte jedoch mehr dynamischer und klanglicher Flexibilität bedurft, um aus einem uniformen Ausdrucksbereich auszubrechen. Wobei: Der große Raum war sicher keine Hilfe. Am Ende sah man ein paar leere Plätze. Wer dageblieben war, und dies waren die meisten, bescherten allen (inklusive Regie) einen Erfolg.

So werden auch die vorzeitig Abgezogenen wohl behaupten, bei diesem unerwarteten Erfolg der Festspiele natürlich dabei gewesen zu sein. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 27. 7. 2009)

 

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    Wenn schon ein Oratorium in Salzburg, dann bitte so: Bejun Mehta (als Didymus) und Christine Schäfer (als Theodora) in Christof Loys Inszenierung von "Theodora" .

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