Richtig leben, richtig sterben

24. Juli 2009, 16:06
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Schwere Verwundung: Der Journalist David Rieff schildert die lange Agonie seiner Mutter, der US-Paradeintellektuellen Susan Sontag

Die Frau auf dem Foto ist tot. Ihre Haare, zu Lebzeiten trug sie sie schwarz, lang und wallend mit einer charakteristischen weißen Strähne von der Stirn abwärts, sind kurz und weiß.

Aufgebahrt liegt sie hier. Gezeichnet vom Todeskampf. Das Bild von der toten Susan Sontag ist eines aus hunderten Dokumenten, die auch in der in Berlin gezeigten Ausstellung A Photographer's Life von Annie Leibovitz zu sehen war. Im Jahr 1988 hatte die Fotografin Leibovitz Sontag kennengelernt, und die Liebesbeziehung der beiden währte bis zu Sontags Tod am 28. Dezember 2004.

Vom Tod der Susan Sontag handelt auch das Buch Tod einer Untröstlichen. Geschrieben hat es ihr Sohn, der Starjournalist David Rieff. "Sie liebte das Leben, und ihre Lust auf Erfahrung hatte sich mit zunehmendem Alter eher noch vergrößert" , schreibt Rieff in diesem Buch. "Wenn ich ihre Haltung gegenüber der Welt mit einem Wort beschreiben sollte, dann mit dem Wort ‚Gier‘."

Halb Flucht, halb Kerker

Diese Lebensgier seiner Mutter Susan hat Rieff, heute Autor führender amerikanischer Zeitungen wie der New York Times, sein eigenes Leben nicht immer leicht gemacht. Er entstammt der Ehe von Sontag mit dem Soziologen Philipp Rieff, in die sich Sontag als junge Studentin halb geflüchtet, halb eingekerkert hat.

Als sie akzeptierte, dass sie eigentlich lesbisch war und von ihrem Leben mehr erwartete als eine Ehe mit einem langweiligen Professor, ging sie zuerst einmal nach London, dann nach Paris, und schließlich stürzte sie sich dann ins Autoren- und Bohemeleben und später in die aufsteigende Gegenkultur des New Yorker Greenwich Village.

Voller Lebensappetit. Der kleine David blieb, hin und her geschoben, zurück. Dennoch ist es den beiden gelungen, eine Beziehung zueinander zu entwickeln und zu erhalten, die zwar nicht unschwierig ist, aber offenkundig auch nicht schwieriger, als Mutter-Sohn-Beziehungen in aller Regel sind.

Sontags Lebensgier musste schon früh in Überlebenswillen umschlagen. In ihren frühen Vierzigern wurde ihr, die damals bereits eine Kultautorin war, ein praktisch für unheilbar gehaltener Brustkrebs attestiert, den sie mit den härtesten und schmerzhaftesten Behandlungsmethoden gegen alle Prognosen besiegte. In den Neunzigerjahren erfolgte eine weitere Krebserkrankung, die sie wieder niederrang.

Als im Jahr 2004 bei Susan Sontag eine besonders heimtückische Form der Leukämie diagnostiziert wurde, sagte sie erst einmal "Wow" , um dann aber auf ihre eigene Art zu reagieren: "Überleben unter allen Umständen" . Wieder nahm sie die qualvollsten Therapien auf sich, diesmal ohne Erfolg.

Vielleicht, so meint Rieff, "war dieses Weiterlebenwollen ihre Art zu sterben" . Sie schart ihre Freunde um sich, alle recherchieren für sie die neuesten Erkenntnisse über ihre aggressive Blutkrebsart. Da es aber kaum positive Nachrichten gibt, klammert man sich umso mehr an Unwahrscheinlichkeiten. Sie will die Wahrheit nicht hören, ihre Freunde und ihr Sohn wollen sie ihr nicht sagen. All das findet statt mit der "erstaunlichen Mischung aus Tapferkeit und Pedanterie, die zeit ihres Lebens typisch für sie war" .

Sie, die Autorin gefeierter Essays wie Against Interpretation oder Krankheit als Metapher - Letzteres schon ein Resultat ihrer ersten Krebserkrankung - wollte weiter "sein" , um jeden Preis. Rieffs Buch handelt vom Tod einer schriftstellerischen Celebrity, die Lektüre ist insofern nicht völlig frei von Voyeurismus, aber es ist auch im weiten Sinn ein Buch über das Sterben.

Es ist ein Buch über das Sich-ans-Leben-Klammern. Und über die Traumatisierung von Hinterbliebenen. Rieff hegt offenkundige Ressentiments gegen manche Ärzte, ebenso gegen Sontags frühere Lebensgefährtin, die schon erwähnte Annie Leibovitz.

Wiedergeburt

Sontag war, das zeigt auch die Lektüre ihrer jüngst in den Vereinigten Staaten veröffentlich-ten Tagebücher aus den Fünf-ziger- und Sechzigerjahren, schier besessen von der Suche nach dem "richtigen" Leben, besessen von der Sehnsucht, sich freizumachen, um "echt" , also ih-rem Ich entsprechend, zu leben, stets getrieben, sich neu zu erfinden - "Wiedergeburt" nannte sie das.

Der Großessay ihres Sohnes David, der durch den Tod seiner Mutter selbst seelisch schwer verwundet wurde, erinnert uns daran: Mindestens so schwierig, wie richtig zu leben, kann auch richtig zu sterben sein, sofern man nicht gerade das Glück hat, von einem Augenblick zum nächsten tot umzufallen. (Robert Misik, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 25./26.07.2009)

David Rieff, "Tod einer Untröstlichen. Die letzten Tage der Susan Sontag". € 17,90 / 160 Seiten. Hanser-Verlag, München 2009

  • Artikelbild
    cover: hanser
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