Treten wie ein Italiener

26. Juli 2009, 16:17
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Ein kleines Panoptikum über männliche Radfahrer in einer norditalienischen Stadt

Dottor Matteo, 76, pensionierter Arzt. Der Dottore trägt natürlich einen Anzug. Einen braun-karierten. Sein Rad ist so alt wie sein Arztdiplom und so gepflegt wie seine Schuhe. Damit alles zusammen ein stimmiges Bild ergibt, hält Dottore nicht einfach den Lenker, nein, der Dottore formt seine Hände zu lockeren Fäusten, dreht sie nach außen, streckt die Daumen weg und legt nun Daumen und Zeigefinger auf den Lenker. Der Dottore kann so natürlich nicht bremsen - braucht er aber auch nicht. Er fährt so langsam, dass man normal neben ihm hergehen kann. Der Dottore fährt nur deshalb mit dem Rad, weil es weniger anstrengend ist, als zu Fuß zu gehen und dabei der leichte Fahrtwind auch noch etwas Kühlung bringt.

Federico ist 32, Single, arbeitet in der Nacht als Koch in einer der Take-away-Hütten und verkauft Touristen das, was diese für eine Pizza halten. Zur Arbeit fährt er mit dem Fahrrad. Federico trägt ein Ruderleiberl, das auf Bauchhöhe etwas spannt, dafür in Brusthöhe mehr als kommod sitzt, und Shorts. Den Lenker hält Federico ganz normal, dafür leidet er unter einem gängigen Italiener-Problem: einem Gemächt, das nicht nur außergewöhnlich oft juckt, sondern auch dem Träger das Gefühl vermittelt, 3,8 Mal größer zu sein, als es in Wirklichkeit ist. Das ist auch der Grund, warum er die Beine beim Fahren fast im rechten Winkel abspreizen muss. Federico fährt ein altes Damenfahrrad, und das mit einer Geschwindigkeit, dass nicht einmal der lose Kotflügel hinten klappert. Dafür pfeift Federico jedes Mal, wenn er an einer attraktiven Touristin vorbeifährt.

Nach Pfeifen ist es Andrea nicht. Andrea ist verheiratet und hat drei Kinder. Zwei Mädchen, Zwillinge, im Alter von vier Jahren, und einen Buben, sechs Jahre alt. Andrea fährt ein modernes Citybike. Er fährt voraus, die Mädels, der Sohn und die Frau hinten nach. Andrea sitzt fast normal am Rad, bis auf die Kleinigkeit, dass Andreas Kopf stets nach hinten schaut und er mit der Regelmäßigkeit des Tritts von Dottor Matteo den Namen seines Sohnes Valentino ruft. Die Geschwindigkeit, mit der Andrea vorwärts kommt, ähnelt jener eines Spielzeugautos zum Aufziehen. Andrea fährt ein Stück, dann bleibt er wieder stehen, fleht seinen Sohn an, nachzukommen, und wenn ihn dieser überholt hat, fährt er ihm nach, bis er ihn eingeholt und eingefangen hat, dann steht er wieder, fährt wieder los, bleibt stehen, fleht seinen Sohn an...

Marco ist 17 Jahre alt und fährt das Minirad, das seine Mutter einst von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Er hat es mit weißem Lack neu gestrichen und dann mit einem kleinen Pinsel ein paar blaue Tupfen auf dem Rahmen verstreut. Marcos Fahrrad zeichnet sich außerdem dadurch aus, dass es kein Schloss am Rahmen herumbaumeln hat. Das braucht Marco auch nicht. Er fährt mit dem Rad nur von zuhause runter zum Marktplatz. Vor der Eisdiele trifft er sich mit seinen Freunden, die auch mit ihren Minirädern kommen. Sie bleiben auf den Rädern sitzen, während sie miteinander tratschen. Und am Abend stellt er sein Minirad einfach ins Zimmer.

Valentino hat gerade seinen sechsten Geburtstag gefeiert und ein neues Fahrrad geschenkt bekommen. Ein rotes Kindermountainbike. Mit Gangschaltung, Licht und einem Getränkehalter. Den Saft aus der kleinen Flasche hat er schon ausgetrunken. Jetzt lenkt er sich durch ein kleines Spiel ab.

Er macht eine Ausfahrt mit seinen Zwillingsschwestern und den Eltern. Sein Vater fährt voraus, seine Mutter hinten nach. Dazwischen strampeln die Mädels. Valentino kann viel schneller fahren als die blöden Schwestern. Und das tut er auch. Er fetzt regelrecht an den beiden Gören vorbei. Und wenn er schon dabei ist, dann auch an Papa. Der holt ihn jetzt aber ein und fängt ihn ab. Valentino bleibt stehen. Er ist ja nicht unfair. Er gibt allen einen kleinen Vorsprung. Er wartet, bis die Mädels da vorne über die weiße Markierung gefahren sind. Das ist sein Startzeichen. Dass seine Mutter auf ihn einredet wie auf ein krankes Pferd, stört ihn nicht. Klar, sie wird ihn nach dem Start nicht einholen können, aber es hat ja keiner gesagt, dass sie sich den Vorsprung nicht nehmen darf. Papa schaut genau, was Valentino macht. Er ruft ihn permanent. Aber das macht Vale nichts. Er startet erst, wenn die Schwestern über die weiße Linie gefahren sind. Und jetzt ist es gleich so weit. 3, 2, 1, - Valentino sprintet los. Er fetzt regelrecht an den beiden Gören vorbei... (Guido Gluschitsch; Fotos: www.gluschitsch.com)

  • Der Dottore hat einen ganz eigenen Fahrstil - einen, bei dem er nicht bremsen kann.
    foto: www.gluschitsch.com

    Der Dottore hat einen ganz eigenen Fahrstil - einen, bei dem er nicht bremsen kann.

  • Und Federico muss schauen, dass alles an seinem Platz ist - und bleibt.
    foto: www.gluschitsch.com

    Und Federico muss schauen, dass alles an seinem Platz ist - und bleibt.

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