Rundschau: Zivilisation war gestern

    22. August 2009, 13:10
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    Bücher von Alastair Reynolds, Jo Walton, Jonathan Barnes, David Weber, Jan Gardemann, Alisha Bionda, Heidrun Jänchen, Jay Amory, John Varley, Peadar Ó Guilín und Vladimir Sorokin

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    coverfoto: wurdack

    Heidrun Jänchen: "Simon Goldsteins Geburtstagsparty"

    Broschiert, 278 Seiten, Wurdack 2008.

    "Eine Bombe in die Lichterkette, und die Volksmeinung kippt." - Was da als beiläufiger Satz in einer Ressortleiterbesprechung fällt, bringt die Handlung von "Simon Goldsteins Geburtstagsparty" auf den Punkt: Der Roman der deutschen Autorin und Physikerin Heidrun Jänchen dreht sich um Ereignisse - ob reale oder virtuelle - und wie sie geschaffen, berichterstattet und mit dem passenden Spin versehen werden, um die allgemeine Meinungslage zu beeinflussen; Ereignisse von meist explosiver Natur. - Terrorismus, Verschwörungstheorien und Manipulation der "Wirklichkeit" in der nahen Zukunft - eine sehr ähnliche Mischung servierte Ken MacLeod mit dem zeitgleich entstandenen "The Execution Channel". Allerdings führte der schottische Autor sein Publikum gezielt an der Nase herum: Da wurde, was zunächst ein klares Post-9/11-Szenario zu sein schien, unversehens zur Alternativweltgeschichte, und das Ende erinnerte dann eher an James Blish als an Cyberpunk. Jänchen hingegen bleibt dem eingangs eingeschlagenen Pfad treu und schreitet ihn weiter, ohne das Genre zu wechseln.

    Alle ProtagonistInnen sind auf ihre ganz eigene Weise an der Produktion und Verarbeitung von Ereignissen beteiligt: John Dove, ein neurotischer Terrorist mit einem ganzen Bündel psychosomatischer Beschwerden, schafft sie - wenn auch unwillig und auf Anweisung eines obskuren Auftraggebers, der ihn aus der Ferne biometrisch überwacht. Fiana O'Nolan, eine irische Reporterin des European News Service, berichtet darüber - ganz dem Ethos des investigativen Journalismus verhaftet; nur ihre Nachforschungen zur angeblichen Ermordung des EU-Präsidenten hätte sie besser gelassen. Und dann ist da schließlich Frank Böttger, der im deutschen Institut für Medienforschung für die technische Umsetzung medienpolitischer Strategien sorgt. Denn hier wird nicht nur nach Mustern im globalen Kommunikationsaufkommen gesucht, diese sollen auch - etwa mit Mail-Schwemmen oder der Einrichtung und Verlinkung von Websites - gesteuert werden: Nigeria hat biologische Waffen eingesetzt? Ist außenpolitisch nicht opportun - stellen wir's als Hoax dar. Die Amerikaner forschen an Zeitreisen? Machen wir sie lächerlich. - Böttger war auch daran beteiligt, den realen (und erfolgreichen) Anschlag auf Präsident Giraux durch ein geschickt lanciertes Fake-Attentat zu vernebeln - und dieses Ereignis wird es auch sein, das alle Hauptfiguren zusammenführt. - Die Erlebnisse einer weiteren Figur laufen davon zunächst unabhängig: Jeremiah, ein 13-jähriger Junge aus einem nicht genannten Land, der sich aus einer abgeschotteten Christensiedlung in die große Stadt aufmacht. Auch er wird sich am Ende aber in die Haupthandlung einfügen; zumindest zum Teil ...

    Jänchen entwirft eine Welt des 21. Jahrhunderts, in der die USA zu einem Gottesstaat geworden sind (ein gerne verwendetes Motiv europäischer AutorInnen, mit mehr oder weniger deutlicher Häme eingesetzt), während diesseits des Atlantiks das "Europa der zwei Geschwindigkeiten" Realität geworden ist und eine Innere Europäische Union einem Konkurrenzgebilde gegenübersteht: Auflösungserscheinungen, die sich auf staatlicher Ebene fortsetzen - wie in Spanien, das in Kastilien und Katalonien zerfallen ist. Für die gesellschaftliche Entwicklung hat Jänchen die Trends der Gegenwart auf die Jahrhundertmitte projiziert: Statt Jugendbanden treiben hier Gangs von Rentnern ihr Unwesen, die mit dem Web aufgewachsen und entsprechend ausgefuchst sind. Die fortschreitende Automatisierung macht Arbeitsplätze zu einem kostbaren Gut - und ganz der Logik einer komplex vernetzten Welt entsprechend verteilt mitten in einer Protest-Demo die mausige Éloïse Flugzettel, auf denen sie die Abspaltung des muslimischen West-China propagiert. Schließlich hat China ihren Arbeitsplatz gefressen - herrscht dort erst mal Bürgerkrieg, werden die Firmen schon wieder abziehen ... - Verschwörungstheorien und paranoide Gedanken aller Art blühen in dieser unübersichtlich gewordenen Welt und ziehen sich auf allen Ebenen durch den Roman. John beispielsweise sorgt sich nach Durchführung eines Bombenattentats, weil sein Magen keinen Alkohol verträgt ("Die Leute achten auf Antialkoholiker, denn jeder von ihnen könnte ein islamischer Terrorist sein."), und die Mondlandung ist längst als Hoax erwiesen; man hat's ja schon immer gewusst.

    Auf der Haben-Seite des Romans (und die überwiegt eindeutig) ist ganz klar der Stil zu verzeichnen - vor allem die präzise Sprache und Begriffsverwendung, von der sich so manche AutorInnen eine Scheibe abschneiden könnten. Im Soll steht manchmal die Logik: Des öfteren treffen rein zufällig Figuren aufeinander, zwischen deren Leben es mehr Querverbindungen gibt, als sie zunächst ahnen. Und der Übergang vom ursprünglichen Handlungsbogen zu einem zweiten - nichts weniger als der Ausarbeitung des größten Hoax aller Zeiten, Projekttitel: "Simon Goldsteins Geburtstagsparty" - lässt den Roman in zwei Teile zerfallen. Vor allem aber stellt sich dabei die Frage, warum die Beteiligten so sicher sind, dass die Inszenierung einer virtuellen globalen Katastrophe nicht zu Chaos, sondern zu einem konstruktiven Ergebnis führen wird. Manches bleibt ungesagt. Das ist ein hervorragender stilistischer Kniff, wenn Jänchen beispielsweise nicht plump einen Satz wie "Wegen der geschwundenen Erdölreserven wurde der Flugzeugverkehr weitgehend eingestellt" schreibt, sondern schildert, wie die ProtagonistInnen mit Luftschiff, Transatlantik-Fähre und Eisenbahn unterwegs sind, und so den Leser langsam selber den Hintergrund kombinieren lässt. Dafür würde man sich an mancher Stelle explizite Aussagen wünschen, wo es um die persönlichen Hintergründe der Hauptfiguren geht; so mancher Strippenzieher bleibt da im Dunkeln. - Teilabstriche also an einem Roman, der insgesamt jedoch erfreulich intelligent ist. Und spannend obendrein.

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