Rundschau: Zivilisation war gestern

    22. August 2009, 13:10
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    Bücher von Alastair Reynolds, Jo Walton, Jonathan Barnes, David Weber, Jan Gardemann, Alisha Bionda, Heidrun Jänchen, Jay Amory, John Varley, Peadar Ó Guilín und Vladimir Sorokin

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    coverfoto: tor books

    Jo Walton: "Farthing"

    Broschiert, 336 Seiten, Tor Books 2007.

    Auf leisen Sohlen schleicht das Grauen - und zwar politisches, kein metaphysisches - in eine Geschichte ein, die als klassisch britische Country House Murder Mystery beginnt. Erwischt hat es diesmal den hochrangigen Politiker Sir James Thirkie, dessen Leichnam im Haus des befreundeten Lord Eversley aufgefunden wird; mit einem Dolch wurde ihm ein Davidstern auf die Brust gepinnt. Bald darauf wird sich allerdings zeigen, dass die eigentliche Todesursache pikanterweise Vergasung war.

    Das Szenario

    Wir schreiben den Mai 1949 - acht Jahre nachdem das Empire auf den Heß-Plan eingestiegen ist und mit Nazi-Deutschland den Peace of Honour geschlossen hat. England fielen dadurch die ehemals französischen Kolonien in Nordafrika zu, Hitler beherrscht das Festland - während sich die USA unter ihrem Präsidenten Lindbergh aus den europäischen Konflikten heraushalten und erste zarte Bande zum japanischen Kaiserreich knüpfen.

    Eingefädelt hat den Frieden seinerzeit das sogenannte Farthing Set, ein Kreis von Adeligen, dem Thirkie ebenso angehörte wie Lord und Lady Eversley vom namensgebenden Anwesen Farthing. Dass ihre Tochter Lucy den Juden David geheiratet hat und nun eine "Mrs. Kahn" ist, schmeckt vor allem der Mutter, einer bis ins aristokratische Mark zivilisierten Bestie, überhaupt nicht.

    Upstairs, downstairs

    Die Kluft zwischen Oben und Unten bzw. Dazugehörend und Draußen zieht sich in vielfältiger Weise durch den Roman. Lucy etwa findet ein poetisches Bild für die "Symbiose" ihrer Mutter mit deren Sekretärin, einer mittellosen Verwandten: They're like a swan: Mummy's the part on top of the water gliding along effortlessly and Sukey's the part below the water kicking frantically. Weniger "schön" klingt es, wenn die eigentlich sehr sympathische Lucy gedankenlos dasselbe, nur auf Jagdbeute anwendbare, Wort für "töten" verwendet wie ihr Vater, nachdem der einen angeblichen Bolschewiken auf seinem Anwesen erschossen hat.

    Inspector Carmichael von Scotland Yard, der den hochbrisanten Fall aufklären soll, registriert derartige verbale Entlarvungen sehr genau - wie auch die tiefverwurzelte Unterwürfigkeit der lokalen Polizei, die von der Unschuld der adeligen Herrschaften vorauseilend überzeugt sind.

    There's a new wind blowing, and it's gonna be a cold, cold one

    Jo Walton erzählt "Farthing" abwechselnd aus Lucys und Carmichaels Sicht: Bei Lucy aus der Ich-Perspektive, wobei sich Lucys sprunghaftes und - noch - relativ unbeschwertes Wesen darin widerspiegelt, dass ihr Bericht immer wieder in nebensächliche Betrachtungen und Erinnerungen abschweift, was sie auf indirekte Weise sehr gut charakterisiert. Bei Carmichael hingegen wählte Walton die dritte Person, vielleicht um seine analytischere Sicht zu illustrieren. Auch von seinem Innenleben erfahren wir aber einiges: Nicht nur dass die satte, grüne, befriedete Landschaft von Hampshire heimliche Wünsche nach einer Barbaren-Invasion in ihm aufsteigen lässt.

    Auch dass sein Schwulsein - in Lucys kindlicher Code-Sprache ist er Athenian - für ihn vorerst keine große Sache ist. Aber die Dinge in England ändern sich, und "Farthing" wird sich letztlich darum drehen, wie die ProtagonistInnen auf den Wandel des gesellschaftlichen Klimas reagieren werden.

    Subtil und wie am Rande sind von Anfang an Informationssplitter eingebaut, dass Großbritannien längst nicht mehr die leuchtende Antithese zum kontinentalen Faschismus ist: Ein Arbeiter sitzt im Gefängnis, weil er eine Gewerkschaft gründete; die Pflichtschulzeit für Kinder wird verkürzt, um sie früher auf den Arbeitsmarkt zu entlassen; die Polizei wendet von den Nazis übernommene Verhörmethoden an und antisemitische Kommentare werden salonfähig. Lucys jüdischer Ehemann David, ein glühender Patriot, hält unbeirrbar an seiner Meinung fest, dass der irrationale Judenhass den EngländerInnen niemals so im Blut liegen kann wie den Menschen auf dem Festland ... doch das Fortschreiten der Handlung wird dies zunehmend in Zweifel ziehen.

    Geschichte ohne Sicherheitsabstand

    Jo Walton, eine mehrfach ausgezeichnete Fantasy-Autorin aus Kanada, hat mit "Farthing" erstmals das Gebiet der Alternativweltgeschichten betreten. Das tut sie in ausgesprochen gelungener Weise - vor allem deshalb, weil der Plot von einem Land, das sich langsam aber sicher von der Demokratie abwendet und dem Faschismus ergibt, so verallgemeinerbar ist. Oder wie sie es selbst im Vorwort ausdrückt: This novel is for everyone who has ever studied any monstrosity of history, with the serene satisfaction of being horrified while knowing exactly what was going to happen, rather like studying a dragon anatomized upon a table, and then turning around to find the dragon's present-day relations standing close by, alive and ready to bite.

    "Farthing" ist eine in sich geschlossene Geschichte - in zwei weiteren Romanen um Inspector Carmichael und seinen wachsenden seelischen Konflikt wird das beklemmende Gesellschaftspanorama weiterentwickelt und vorerst abgeschlossen: "Ha'penny" (2007) und "Half a Crown" (2008).

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