Rundschau: Zivilisation war gestern

    22. August 2009, 13:10
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    Bücher von Alastair Reynolds, Jo Walton, Jonathan Barnes, David Weber, Jan Gardemann, Alisha Bionda, Heidrun Jänchen, Jay Amory, John Varley, Peadar Ó Guilín und Vladimir Sorokin

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    coverfoto: heyne

    Sascha Mamczak & Wolfgang Jeschke (Hrsg.): "Das Science Fiction Jahr 2009"

    Broschiert, 1.594 Seiten, € 30,80, Heyne 2009.

    Das Universum expandiert mit beschleunigter Rate, wie Rüdiger Vaas in seinem hier enthaltenen Aufsatz "Die Saat der Zeit" mehrfach betont - aber das alljährliche SF-Kompendium des Heyne-Verlags hält da locker mit und nähert sich mittlerweile der 1.600-Seiten-Schallmauer. Wie jedes Jahr wird dabei ein Schwerpunkt besonders herausgestrichen, und der lautet heuer - pingelige LateingrammatikerInnen mögen sich nicht ins Beinkleid machen - "Quo vadis, Superhelden?": Scheinbar dem Trend folgend, dass die einst ausschließlich in Comics vertretenen Figuren in den vergangenen Jahren verstärkt in die Non-Graphic Novels eingewandert sind. Und zwar nicht nur auf einer Meta-Ebene wie in Michael Chabons großartigem Roman "Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay", sondern durchaus 1:1. - Interessanterweise wird dieser Aspekt in keinem der Aufsätze des insgesamt 400 Seiten langen Schwerpunkts behandelt, statt dessen ganz auf Comics und Filme fokussiert. Fast als Rechtfertigung bzw. Erklärung liest sich da in Karsten Kruschels Aufsatz "In der Zeitmaschine auf dem Weg zu Gott" ein Statement, warum Superhelden in der bildlosen Literatur nicht so besonders gut funktionieren: (...) der Leser eines Textes hat den Vorteil, sich selbst ein Bild machen zu können. Ihn drücken die bildgewaltigen Vorlagen des Comics oder des Films nicht auf den Status des staunenden Betrachters. Sein Film spielt im Kopf. Und Köpfe wollen denken.

    Zwangsläufig kommt es bei den historischen Betrachtungen von "Golden Age" und "Silver Age" zu einigen Überschneidungen, und die Siegel/Shuster/Superman-Kiste wird mehrfach aufgemacht - umso spannender daher, wenn sich Hartmut Kasper in "I Shall Destroy All the Civilized Planets!" Supies vergessenen Zeitgenossen widmet, die - warum bloß, fragt man sich - die Wechselbäder der Geschichte nicht überlebt haben. Etwa "Stardust, the Super Wizard" mit hochdramatischen Patentlösungen wie He releases his powerful boomerang ray, and the atom-smasher smashes itself. - Vergnüglich auch Uwe Neuholds 100-seitige Bestandsaufnahme "Aerokinese, Phasing, kosmische Kräfte", die sich unter Bezugnahme auf James Kakalios' bekanntes Buch "Physik der Superhelden" den naturwissenschaftlichen Aspekten des Themas widmet. Altgediente Comic-ExpertInnen werden in den Beiträgen vermutlich weniger Neues finden, die große Mehrheit des Publikums kann sich damit aber auf den aktuellen Analyse-Stand einer lange verfemten (und mittlerweile altehrwürdigen) Kulturform bringen lassen - und das in sehr unterhaltsamer und reich illustrierter Art und Weise.

    Der literaturbezogene Teil enthält Interviews mit den Erfolgsautoren John Scalzi und Greg Bear - bei letzterem auch zum Themendreieck Wissenschaft-Science Fiction-Politik, was nicht zuletzt deshalb interessant ist, weil Bear ("Blutmusik", "Das Darwin-Virus") einem Think Tank von SF-AutorInnen angehört, der unter anderem die Bush-Regierung beraten hat. Wolfgang Neuhaus betrachtet in "Am Vorabend der Singularität" die Entwicklung der posthumanen Science Fiction, im Zuge dessen der bemerkenswerte Satz fällt: Wobei das Problem der Verständlichkeit, das im Zusammenhang mit der posthumanen SF moniert worden ist, eines der allgemeinen Bildung ist und keines der Literatur selbst. Hart, aber leider nicht ganz unwahr. - Weiters enthalten sind unter anderem Christopher Eckers Würdigung des 2008 freiwillig aus dem Leben geschiedenen Autors Thomas M. Disch ("Camp Concentration", "The Genocides") unter dem Titel "Warum wir alle Pyramiden bauen sollten" und Erik Simons Nachruf auf das ebenfalls 2008 verstorbene AutorInnenpaar Johanna und Günter Braun. Und wer immer eines von deren Genre-Werken auf dem Flohmarkt aufstöbert, sollte unbedingt zuschlagen: Mit leichtfüßigem Humor karikierten sie gut gemeinte Utopien mit Gültigkeit weit über die heimische DDR hinaus. Das reichte von der gesamtgesellschaftlichen Ebene (etwa wenn in "Unheimliche Erscheinungsformen auf Omega XI" Raumfahrer auf eine Zivilisation treffen, in der sich Produzenten und Konsumenten zu eigenen Spezies entwickelt haben, was ihren Heimatplaneten in ein müllstrotzendes Desaster getrieben hat) bis zur genialen Situationskomik im Detail: Etwa wenn in "Conviva Ludibundus" ein weltfremder Professor nicht nur mit den ausufernd katastrophalen Folgen einer Unterwasser-Expedition zu ringen hat - nein, zu allem Überdruss reist aus PR-Gründen auch noch eine Sängerin mit an Bord, die bei jeder Gelegenheit ihr famoses Chanson Die grauen schlappen Wasser zum Besten gibt. Große Empfehlung!

    280 Seiten sind den Wissenschaften vorbehalten, danach folgt der Medienteil: Ein Kessel Buntes, in dem unter anderem die Space-Rocker Hawkwind noch einmal dem erlösenden Vergessen entrissen werden und Anime-Großmeister Hayao Miyazaki gewürdigt wird (im September bringt das Wiener Filmcasino übrigens eine große Miyazaki-Retrospektive!). Auf Hörspiele, Comics und Computerspiele wird dankenswerterweise auch nicht vergessen, denn was der eine wöchentlich am Plan hat, mag dem anderen exotisch erscheinen: Praktisch also, sich auch darüber informieren zu können, was sich in Medien, die man nicht so oft frequentiert, tut. Marktberichte sowie Buch- und Filmkritiken runden das Angebot ab - letztere ein traditionell vielgeliebter Reibebaum, wenn persönliche Geschmäcker auseinanderlaufen; und hier gebührt noch einmal der Bildredaktion ein Extra-Lob. - Wie üblich ist das Jahrbuch also ein unverzichtbares Werk für alle, die an Science Fiction über das bloße Konsumerlebnis hinaus interessiert sind. Nur sollte das heimische Buchregal auf einem festen Fundament stehen.

    Nächsten Monat geht es unter anderem um den eingangs erwähnten neuen Roman von Robert Charles Wilson ("Julian Comstock") - außerdem nehmen wir mal unter die Lupe, was das Stichwort "Drache" so hergibt. Nicht aufstöhnen: Die Ansätze sind weiter gestreut, als man denkt.
    (Josefson)

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