Rundschau: Zivilisation war gestern

    22. August 2009, 13:10
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    Bücher von Alastair Reynolds, Jo Walton, Jonathan Barnes, David Weber, Jan Gardemann, Alisha Bionda, Heidrun Jänchen, Jay Amory, John Varley, Peadar Ó Guilín und Vladimir Sorokin

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    coverfoto: otherworld

    Alisha Bionda (Hrsg.): "Unter dunklen Schwingen"

    Broschiert, 335 Seiten, € 15,95, Otherworld 2009.

    Ach, Anthologien. Es liegt an den Verlagen und Lesern, diese wichtige Gattung nicht zum Aussterben zu verurteilen - sie gar vielleicht wieder boomen zu lassen, schreibt die umtriebige deutsche Autorin und Anthologien-Kompilatrix Alisha Bionda im Vorwort zu "Unter dunklen Schwingen", und da kann man ihr wirklich nur beipflichten - vor allem mit Blick auf die Markttendenzen, nach denen Zusammenstellungen wie diese längst auf der Roten Liste bedrohter Literaturgattungen stehen. Schon zwei oder drei gute Beiträge pro Band rechtfertigen das Genre, weil sie nicht zuletzt die Möglichkeit bieten, neue AutorInnen kennenzulernen, von denen man sich im Anschluss auch gerne mal einen Roman gönnen würde. 11 düstere Kurzgeschichten von AutorInnen, die im deutschsprachigen Raum ansässig sind, wurden hier kompiliert - die Titel sind durchgehend nach dem Prinzip "Unter dunklen Schwingen ... XY" gestaltet, und einen weiteren Beitrag zum Corporate Design leisten die wirklich sehr schön gestalteten Gothic-Grafiken von Mark Freier, der mit dem vage an Lovecraft-Szenarien erinnernden Beitrag "Unter dunklen Schwingen ... ist kein rechter Bund zu schließen" auch in schreiberischer Form vertreten ist.

    Motive aus alten Märchen greifen die beiden Autorinnen Aino Laos und Uschi Zietsch auf: Bei Laos ist es das von dem einen Gerechten in einer Gruppe von Sündern, die in einer Höhle Schutz vor einem Gewitter suchen und sich untereinander ausmachen müssen, auf welchen von ihnen der göttliche Blitzstrahl abzielt. Das wird in "... gesteht ein jeder seine Schuld" zu einer gemischten Gruppe, die in einem fluchbeladenen Haus festsitzt. Da kommt zwar auch schon mal im panischen Getümmel bei einer schwulen Nebenfigur die weibliche Seite hervor (oweh), aber die Schlusspointe ist verblüffend. - Zietsch wiederum versetzt in "... wächst manch Aberglaube" das "hässliche Entlein" in eine Gruppe religiöser Eiferer, die im Gebirge darauf warten, von ihrem Gott abgeholt zu werden. Die Frage ist nur, ob die langgediente Fantasy-Autorin diese archaische Geschichte nicht besser in einem längeren Format abgehandelt hätte - zehn Seiten sind dem wuchtigen Stil nicht wirklich angemessen und so fällt das Mini-Epos recht kursorisch aus.

    Am besten sind zwei ausgesprochen hermetische Geschichten, zum einen "... kauert Gottes Kind" von Dominik Irtenkauf: Ein körperlich verfallendes Mädchen, das mehrmals missbraucht wurde, bewahrt schweigend ein Geheimnis - nicht notwendigerweise ein übernatürliches, auch wenn Wölfe, Gnome und eine Serie von Ritualmorden Teile eines verstörenden Mosaiks bilden, in dem Innen- und Außenwelt einander durchdringen. Surreale Züge trägt auch das Highlight der Anthologie, "... gehen Wunder ihren Gang" von Marc-Alastor E. E., der nicht nur im Londoner Setting, sondern auch sprachlich ein gutes Jahrhundert zurückgeht: Eine viele Fragen offen lassende und dennoch in sich geschlossene Erzählung über den verkrüppelten Waisen Firminus Becket, der im Zuge einer Serie von Kindsmorden mittels Gas zum Pflegefall wird und sich in seinem Zustand der Hilflosigkeit Poe-artigen Heimsuchungen ausgesetzt sieht. Eine Geschichte, die man wieder und wieder lesen kann.

    ... und ziemlich genau in der Mitte der Anthologie ist es dann vorbei, den Rest kann man sich mehr oder weniger sparen. Die "B-Seite" beginnt mit der Vampir-Geschichte "... geht der Tod auf die Jagd" des "Trolle"-Autors Christoph Hardebusch - einem weiteren Indiz dafür, dass dem Spitzzahn-Genre nur schwer neue, interessante Seiten abzugewinnen sind. Das gilt in noch stärkerem Maße für das komplett missratene "... zieht dich die Blutgräfin in ihren Bann" von Barbara Büchner, besser bekannt als Julia Conrad ("Die Drachen"): Jan und Julia zieht es in der Ära nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ins österreichisch-tschechische Grenzgebiet, wo heute immerhin so unheimliche Gebilde wie die Monster-Mall "Excalibur City" stehen - hier aber muss ein "Spukschloss" für eine altbackene Gruselgeschichte herhalten, die wirklich kein Klischee der Schauerliteratur auslässt. Schon der ÖBB-Schaffner im Zug zum Waldviertel munkelt über den Fluch, der auf Burg Heidebrock lastet und nimmt dabei Worte wie Bauernmagd und Gefolge von Untoten in den Mund. (Was der wohl auf den anderen Strecken, für die ihn die Zentrale so einteilt, erzählt?) - Unlogisch, unfreiwillig komisch und für eine Autorin mehrerer Romane erstaunlich unbeholfen im Stil - der Tiefpunkt der Anthologie. Aber kein ganz einsamer, denn dazu gesellt sich noch die dritte Bluttrinker-Geschichte, "... zerbricht die Unsterblichkeit", die mit Tanya Carpenter und Mark Staats gleich zwei AutorInnen hat und mit allen vier Beinen fest auf Heftroman-Niveau steht.

    Zumindest in seiner Bildhaftigkeit beeindruckt "... entscheidet der Feuerengel über die Geschicke der Welt" der Musikerin und Autorin Arcana Moon (obwohl Gundula Schikora fast cooler klingen würde) über eine Frau, die entweder Psychiatriepatientin oder ein übernatürliches Wesen oder vielleicht auch beides ist. Fans von Storm Constantine dürften den pathosgeladenen Stil mögen, auch wenn (oder in dem Fall vielleicht gerade weil) die Geschichte erheblich unter verquastem Weltschmerz leidet. Letzterer zieht sich auch durch Alisha Biondas eigenen Beitrag "... trifft dich Ischariots Kuss", in dem der angebliche allgemeine Werteverfall das Produkt eines Kreises dunkler Gestalten mit biblischen Namen ist, die hinter den Kulissen der verderbten Welt agieren. - Vielleicht ist es kein Zufall, dass einer der besten Beiträge der Anthologie einer ist, der strenggenommen gar nicht unter "Phantastik" fällt: "... nimmt der Wahnsinn seinen Lauf" von Andeas Gruber, die bedrückende Psycho-Studie des Außenseiters Konrad, der unter Zwangshandlungen und sozialer Verelendung leidet. Ein Schulfreund und Arbeitskollege - gleichzeitig der Ich-Erzähler - schenkt ihm ein riesiges Puzzle, damit Konrad lernt sich zu konzentrieren und sein Leben wieder zu organisieren. Doch statt dessen leitet es seinen völligen geistigen Verfall ein. Und das ist dann wirklich gruselig.

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