Ein Watschenbussi

23. Juli 2009, 16:32
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Die Carpenters, durch den Fleischwolf gedreht: Das Debütalbum von Florence + The Machine

Der Hit des Album ist okay. "Kiss With A Fist" heißt der und klingt, als hätten ihn The White Stripes an einem milden Tag aufgenommen. Primitivtrommel, harte Gitarre, gegen Ende ein entwaffnend einfaches Solo. Zwei Minuten - und aus. Super. Der Text ist schon weniger White Stripes und leitet über auf das Wesen seiner Sängerin, der 22-jährigen Florence Welch. Wenn man glauben darf, was so von ihr kolportiert wird, ist sie ein "Crazy Chicken". Lange aufbleiben. Saufen. Drogen. Kunstschule. Immer noch zu Hause wohnen. Papi als Manager.

Nachdem erwähnte Single also (vor allem in Australien) ein Hit wurde und Welch mit ihrer Band The Machine im Vorprogramm diverser Blur-Reunion-Shows in England zu sehen war - das bedeutet sehr, sehr viel Publikum -, gilt sie momentan als ziemlich hip. Dabei weiß man eigentlich nicht genau, wo es hingehen soll. Zumindest erschließt sich das nicht all zu zwingend aus ihrem nun erschienenen Debütalbum "Lungs". Wahrscheinlich ist erst einmal der Weg das Ziel. In dem Alter?! Denn Welch dockt zwar an härteren Rock an, ergeht sich samt choraler Unterstützung in beseelten Sixties-Pop, der stellenweise klingt wie die Carpenters in Phil Spectors Fleischwolf, versemmelt dann aber einige Songs mit hohlem Pathos, bei dem man even-tuell an Siouxie und ihre Banshees denken muss. Harfengezirpe inklusive.

Die britische Presse bringt gerne Kate-Bush-Vergleiche ins Spiel, was Welch nicht in den Kram passt. Das klinge, als hätte sie keine eigenen Ideen, als wäre sie unoriginell, wird sie zitiert. Am besten klingt sie jedenfalls im Breitwandformat. Handclaps oder anderer quirliger Firlefanz unterstreichen die Rhythmen, die vermeintliche Vergangenheit als Sängerin bei Hochzeiten und - ungleich öfter - Beerdigungen verleiht manchen Stücken eine Erhabenheit, die auch Welchs Ausbrüchen in zornigere Gefilde standhält. Sie erinnert darin entfernt an die Motown-Phil-Spector-Wiedergänger McAlmond & Butler und deren Weltalbum "Bring It Back".

Reichlich Potenzial also, das hier zumindest über die Hälfte der Distanz schon überzeugt. Time will tell. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.7.2009)

 

Florence + The Machine: Lungs (Island/Universal)

Aktuelles: Florence + The Machine wurden eben nominiert (und sind auch ziemlich favorisiert) für die britischen "Mercury Prize Awards" - siehe www.mercuryprize.com.

 

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    island/universal
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