"Diplomfabrik" droht Schließung

22. Juli 2009, 18:42
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Wegen Korruptionsvorwürfen und 40.000 ungültigen Abschlussdiplomen will der Staat an der rumänischen Spiru-Haret-Privatuni hart durchgreifen - Die 300.000 Studierende zählende Uni wehrt sich dagegen

Nachdem die rumänische Unterrichtsministerin Ecaterina Andronescu letzten Donnerstag rund 40.000 Abschlussdiplome der Privatuniversität Spiru Haret (USH) für ungültig erklärt hatte, droht sie nun, die gesamte Institution zu schließen, wenn die "Illegalitäten" nicht eingestellt würden. Laut Andronescu seien nur 73 der 130 Studiengänge durch das Unterrichtsministerium akkreditiert, somit würden mehr als die Hälfte der Studierenden keine gültigen Diplome erhalten. Mittels zwei Wiederholungsprüfungen innerhalb von fünf Jahren könne man eine staatliche Anerkennung der Diplome erzielen - so einer der Lösungsvorschläge der Ministerin. Auf der Internetseite des Ministeriums erschien indes eine Liste mit den 53 illegalen Territorialzentren der USH, darunter auch jene in Wien, Berlin oder New York. Die 1991 gegründete Universität erhielt 2002 zwar die ersten Zulassungen, allerdings nur für Präsenzunterricht und nicht für Fernstudien.

Am Montag reichte die USH daraufhin eine gerichtliche Klage gegen das Gesetz ein, das vorsieht, dass sie von der Liste der provisorisch akkreditierten Institutionen gestrichen wird und im Studienjahr 2009/2010 keine Aufnahmeprüfung mehr organisieren darf. Laut dem Rektor der Universität Spiru Haret, Aurelian Bondrea, sei für Fernstudien eine Akkreditierung gesetzlich nicht erforderlich. Die Maßnahmen gegen die USH seien dadurch motiviert, dass "die Ministerin in der Universität Spiru Haret einen wahren Konkurrenten des staatlichen Bildungswesens sieht".

Inskription gegen Sex

Zumindest zahlenmäßig stellt die USH tatsächlich eine nicht zu leugnende Größe dar: Mit über 300.000 Studierenden belegt sie Platz 21 der Rangliste der größten Universitäten der Welt und ist damit fast doppelt so groß wie die University of London und etwa viermal so groß wie die Universität Wien, an der 74.000 Studierende eingeschrieben sind. Auf der USH-Homepage wird mit der Aussage geworben, jeder dritte rumänische Studierende würde an der USH studieren.

In Rumänien ist die USH, wie auch andere Privatuniversitäten, immer wieder mit Korruptions- und Betrugsskandalen ins Visier der Presse geraten. Im Dezember 2008 gelang es einer Reporterin mit versteckter Kamera, den Präsidenten einer anderen Privatuniversität dazu zu bewegen, ihr drei Monate nach Ablauf der Inskriptionsfrist die Studienzulassung zu gewähren, ja sogar einen Heimplatz und die Erlassung der Studiengebühren zu versprechen - gegen sexuelle Zuwendungen. Auch die USH wird in der rumänischen Presse als "Diplomfabrik für Politiker und Justizbeamte" bezeichnet, und ein Mitglied der rumänischen Agentur für Qualitätssicherung Höherer Studien wies darauf hin, dass die USH die einzige Institution sei, bei der der Titel des Universitätsprofessors vom Rektor vergeben werde. Viele Politiker besserten an Privatuniversitäten ihre Lebensläufe nach, "ohne viel Kopfweh".

Bedenkliche Verschränkungen mit der Politik bestätigt auch ein Pressebericht, wonach der deutsche Bundestagsabgeordnete Joachim Günther (FDP) sich sehr für die Eröffnung eines Fernstudienzentrums der USH in seinem Wahlkreis in Plauen (Sachsen) eingesetzt habe. Günther ist nicht nur USH-Gastprofessor, sondern auch an einer Baufirma beteiligt, die in Rumänien eine Filiale eröffnet hat und als erstes Projekt den Sitz der neu zu gründenden medizinischen USH-Fakultät bauen soll. (Laura Balomiri aus Bukarest, DER STANDARD, Printausgabe, 23.7.2009)

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