Schund ist keine Schande

21. Juli 2009, 18:08
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Mit Kolportage und Pulp-Komik Geschichte anders erzählen: Filme wie "Inglourious Basterds" gewinnen aus populären Formaten neue Energien

Wien - Zuchthäusler und Schurken auf Selbstmordkommando anstatt moralisch gefestigter Charaktere mit hehren Motiven; No-Nonsense-Aktionen mit griffigen Onelinern anstatt der Ausmalung heroischen Opfermuts: Als wichtiger Urtypus eines veränderten Zugangs zum Zweiten Weltkrieg im Kino kann Richard Aldrichs Das dreckige Dutzend (1967) gelten, ein Film, der den Krieg nicht mehr als Folie ehrwürdiger politischer Auseinandersetzungen und Überzeugungen verwenden mochte.

Ohne ihn wäre wohl auch The Inglorious Bastards nie entstanden. Der Italiener Enzo G. Castellari schloss mit seinem B-Movie an ein actiongeladenes Subgenre an, das sein Publikum mit grellen Effekten bediente und 1978 längst zum Erfolgsformat geworden war. Eine anarchische Gruppe - unter ihnen der Blaxploitation-Star Fred Williamson - agiert zwischen allen Fronten und militärischen Rängen. Ihre einzige Maxime lautet, heil aus diesem Krieg herauszugelangen. Kleinere Abschweifungen wie ein Bad mit nackten Wehrmachthelferinnen inklusive.

Quentin Tarantinos Inglourious Basterds ist kein Remake dieses Films, dessen Stunts und Schlachtenchoreografie sympathisch ungelenk erscheinen - dafür bürgt schon die spitzfindige Falschschreibung des Titels. Wie schon in seinen früheren Filmen bedient sich der US-Filmconnaisseur und -regisseur auch hier eines Pulp-Formats, das keinem Kanon des Qualitätskinos angehört, um es zu würdigen und gleichzeitig einer neuen Lesart zu unterziehen.

Welche Energien setzt ein solcher Zugriff auf den Trash frei - zumal, wenn es um heikle historische Realitäten geht? Tarantino begreift das Kino als große Wunscherfüllungsmaschine, die sich um keine historische Tatsachen schert. Geschichte wird hier vielmehr torpediert und umgeschrieben, da sie im Kino ohnehin meist nur noch als Klischee erscheint. Eine großartige Rache- und Rehabilitationsfantasie, die durch das Kino - von filmischen Zitaten bis zum konkreten Raum - hindurchführt, um es als Draufgabe gleich auch noch von seinem Sündenfall als Propagandainstrument zu heilen.

Ein koscherer Porno

Die Basterds sind bei Tarantino keine Gefangenen mehr, sondern Mitglieder einer jüdischen Spezialeinheit der US-Armee. Ihre Aufgabe ist pure Passion. Sie jagen Nazis, um ihnen den Skalp abzuziehen oder ein Hakenkreuz in die Stirn zu kratzen. Hostel-Regisseur Eli Roth spielt Donny, den Bear-Jew, eine Golem-ähnliche Gestalt, die den Nazis einen eigenen Mythos entgegenhält. In Cannes bezeichnete Roth den Film freimütig als "kosher porn" - etwas, wovon er schon als Kind geträumt habe.

Doch das Ausagieren von Sehnsüchten mittels Gewalt spielt in Inglourious Basterds keineswegs die bedeutendste Rolle. Wo Death Proof eine Hymne auf die Bewegung war, handelt der neue Film zuallererst von Sprache. Tarantino hat darauf insistiert, über einen möglichst bunt gemischten Cast zu verfügen. Das Sprachwirrwarr bietet nun nicht nur Grundlage für einige der besten Gags des Films. Mit dem SS-Oberst Hans Landa, den der Österreicher Christoph Waltz als genießerischen Sadisten spielt, der seine Opfer mit Worten narkotisiert, ist auch die zentrale (Bösewicht-)Figur ein Sprachvirtuose.

Schon Paul Verhoevens Zweiter-Weltkriegs-Drama Black Book (2006) hat bewiesen, dass sich eine seriöse Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durchaus auch mit den Mitteln des Exploitation-Kinos bewerkstelligen lässt. Eine Jüdin im Widerstand, die während der Okkupation Nazis ausspioniert und sich dabei in einen SS-Mann verliebt, diese wahre Geschichte wurde hier mit jeder Menge Action, romantischer Emphase und inszenatorischer Verve umgesetzt. Verblüffend blieb daran, wie viel mehr Zwischentöne dies gegenüber Filmen wie Der Untergang generiert, die sich für eine konventionelle Form der Geschichtsdarstellung entscheiden.

Bei Tarantino heißt die zentrale Aktion, die mit herrlicher Verzögerungstaktik verwirklicht wird, dann auch nicht umsonst "Operation Kino" : Geschichte wird hier endlich wieder zum Möglichkeitsraum - und alle Möglichkeiten kommen für einen entscheidenden Augenblick lang in einem Lichtspielhaus in Paris zum explosiven Stillstand. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Printausgabe, 22. 7. 2009)

Ab 21. 8. im Kino

  • Es war der Abend des Christoph Waltz. DER STANDARD, derStandard.at und Universal Pictures hatten zur Vorabpremiere von "Inglourious Basterds" geladen, wo der Hauptdarsteller stürmisch gefeiert wurde. Im Gespräch mit STANDARD-Kulturchefin Andrea Schurian gab Waltz den Applaus an Regisseur Quentin Tarantino weiter. Er sei auf seine Rolle stolz, aber "es ist unmöglich, aus einem Tarantino-Film einen Waltz-Film zu machen". Mehr Bilder in Newalds Photoblog.
    foto: standard/newald

    Es war der Abend des Christoph Waltz. DER STANDARD, derStandard.at und Universal Pictures hatten zur Vorabpremiere von "Inglourious Basterds" geladen, wo der Hauptdarsteller stürmisch gefeiert wurde. Im Gespräch mit STANDARD-Kulturchefin Andrea Schurian gab Waltz den Applaus an Regisseur Quentin Tarantino weiter. Er sei auf seine Rolle stolz, aber "es ist unmöglich, aus einem Tarantino-Film einen Waltz-Film zu machen". Mehr Bilder in Newalds Photoblog.

  • Ein Bösewicht, der seine Opfer in allen Sprachen quält: SS-Oberst
Hans Landa (Christoph Waltz, re.) labt sich in "Inglourious Basterds"
an der Angst des Bauern Denis Menochet (Pierre Lapadite).
 
    foto: universal pictures

    Ein Bösewicht, der seine Opfer in allen Sprachen quält: SS-Oberst Hans Landa (Christoph Waltz, re.) labt sich in "Inglourious Basterds" an der Angst des Bauern Denis Menochet (Pierre Lapadite).

     

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