"Scheitert China, so scheitert die Welt"

10. Juli 2009, 20:23
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Maurice Strong, Uno-Veteran, Geschäftsmann und Regierungsberater: In der Umweltpolitik wird die Welt bald von China lernen

STANDARD: Herr Strong, Sie sind vieles genannt worden: Michelangelo des Networking, Sozialistenführer, Möchtegernkönig der Welt.

Strong: Sogar einflussreichster Mann der Welt 1997 auf dem Cover des konservativen US-Magazins National Review. Das ist lächerlich. Mir wurde vorgeworfen, die Politik der US-Regierung zu unterwandern. Wäre ich tatsächlich so einflussreich gewesen, hätte ich das gerne versucht.

STANDARD: Damals waren Sie Kofi Annans Sonderbeauftragter für eine Reform der Vereinten Nationen. Was haben Sie erreicht?

Strong: Nur wenige Vorschläge wurden angenommen. Bis dahin machten sich UN-Organisationen in Entwicklungsfragen gegenseitig Konkurrenz. Wir haben erreicht, dass sich in jedem Land alle Beteiligten an einen Tisch setzen.

STANDARD: Womit sind Sie gescheitert?

Strong: Ich hätte der Vollversammlung ein Veto für Entscheidungen des Sicherheitsrats eingeräumt. Ich hätte Hunger- und Flüchtlingshilfe unter einem Dach vereint. Heute sind die einen für Flüchtlinge innerhalb eines Landes und die anderen für Flüchtlinge aus anderen Ländern zuständig, dabei ist die Herkunft oft schwer zu unterscheiden. Ich hätte eine neue Funktion für den Treuhandrat, der ursprünglich die kolonialisierten Länder vertrat, heute könnte er die internationalen Gewässer, die Antarktis, die Atmosphäre, die Stratosphäre und das Weltall vertreten. Das wäre ein wichtiger Beitrag zum Erhalt unserer Umwelt.

STANDARD: Ist die Uno zu groß oder nicht groß genug?

Strong: Beides. Die Uno ist zu komplex, sie hat zu viele Unterorganisationen. Aber bei den Ressourcen ist sie nicht groß genug. Ihr Budget entspricht etwa dem von Los Angeles.

STANDARD: Auch Sie wurden für den Posten des Uno-Generalsekretärs gehandelt.

Strong: Ich sah mich selbst nie als Kandidaten, aber mein Name wurde ins Spiel gebracht. Hätte ich Chancen gesehen, gewählt zu werden, hätte ich es mir überlegt. Aber ich wusste, dass es nicht realistisch war. Hätte ich kandidiert oder auch nur einen Kandidaten offen unterstützt, wäre ich in der Uno erledigt gewesen. Ich war immer mehr an den Inhalten interessiert.

STANDARD: Was macht einen guten Uno-Generalsekretär aus?

Strong: Was einen guten Generalsekretär ausmachen würde, verhindert, dass er es wird. Die mächtigen Länder wollen keine starke Persönlichkeit in dieser Position. Mit Kofi Annan bekamen sie eine starke Persönlichkeit. Sie hatten nicht damit gerechnet, weil er aus den Reihen der Uno kam. Ein guter Generalsekretär bewegt die Mitgliedsländer, Entscheidungen zu treffen. Er startet wichtige, auch kontroverse Initiativen. Die Uno ist heute notweniger und zugleich schwächer denn je.

STANDARD: Inwiefern?

Strong: Die eigentlichen Beschlüsse fallen bei Gipfeln wie jenen der G-8 oder der G-20. Die Uno ist zu einer Legitimationsinstanz geworden. Sie hat ihren Zweck, aber viel, was sie tut, hat seinen Ursprung außerhalb.

STANDARD: Kürzlich hat die Uno den Klimawandel als Sicherheitsbedrohung bezeichnet.

Strong: Die größte Sicherheitsbedrohung überhaupt. Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel. Für Sicherheit waren wir immer bereit, große Ressourcen in die Hand zu nehmen. Nur muss es beim Klimaschutz in Zusammenarbeit geschehen.

STANDARD: Scheitert die Weltklimakonferenz im Dezember in Kopenhagen?

Strong: Analytisch bin ich Pessimist, operativ bin ich Optimist. Ich rechne nicht mit der nötigen Einigung in Kopenhagen, aber ich hoffe, dass ich mich irre.

STANDARD: Sind die Erwartungen zu hoch?

Strong: Die Insider wissen, dass es eher Hoffnungen sind.

STANDARD: Was wäre realistisch zu holen?

Strong: Ein Plan, was bis wann erreicht werden muss, als Grundlage für alles weitere. Damit sich die Entwicklungsländer verpflichten, ihre Emissionen einzuschränken, müssten Billionen bewegt werden. Eigentlich müssten Länder, die ihre Ziele verpassen, bestraft werden, etwa durch Handelsbeschränkungen. Aber ich fürchte, die Welt ist noch nicht bereit.

STANDARD: Welche Position wird die von Ihnen beratene chinesische Regierung einnehmen?

Strong: China wird seine Emissionen einschränken, aber keine Verpflichtungen eingehen, wenn die ursprünglichen Verursacher des Klimawandels nicht sehr viel weiter gehen. Obama hat gerade die Schadstoffgrenzen bei Autos gesenkt, aber sie liegen immer noch höher als jene in China. Die Chinesen haben eine schlechte Presse, aber sie sind weiter, als die meisten hier glauben. Sauberes Trinkwasser ist in China ein großes Problem. Der Klimawandel macht sich bereits bemerkbar, weil die großen Flüsse aus dem Himalaja weniger Wasser führen. Chinas Umweltpolitik ist gut, aber die Umsetzung geschieht auf der Ebene der Provinzen. Darum ist die Entwicklung der Umweltfaktoren heute ein zentraler Punkt, wenn die Leistung der regionalen und lokalen Funktionäre bewertet wird. Die Herausforderungen sind enorm, aber ich denke, China schafft es. Wenn China scheitert, wird die Welt scheitern.

STANDARD: Sehen Sie eine Führungsrolle für China in der Umweltpolitik?

Strong: Ja, aber wie Deng Xiaoping gesagt hat, nicht mit Worten, sondern durch Taten.

STANDARD: Sind die Chinesen beleidigt, wenn im Westen auf die neuen Kohlekraftwerke, Millionen neuer Autos und toxische Stoffe in Billigprodukten gezeigt wird?

Strong: Ein wenig. Das chinesische Wort für Westler ist immer noch "Wilde". Die Leute vergessen, dass China die älteste überlebende Zivilisation ist und bis vor 200 Jahren die größte Volkswirtschaft war.

STANDARD: Umweltaktivisten bereiten auch Chinas Investitionen in Afrika Sorgen.

Strong: Bisher brachten die Chinesen mehr eigene Arbeitskräfte mit, als Afrikaner eingesetzt wurden, und es stimmt, dass genauso wenig wie in China selbst hohe Umweltstandards eingehalten werden, aber beides ändert sich gerade.

STANDARD: Kaum zu glauben, dass Sie freiwillig den sauberen Himmel Kanadas gegen Pekings Smog eingetauscht haben.

Strong: Peking ist einer der besten Orte zum Leben. Ich habe mich gefragt, wo ich mein Alter verbringe und noch etwas Nützliches beitragen kann. Stockholm 1972 war Chinas erste internationale Konferenz nach seiner Aufnahme in die Uno, und als Folge wurden die ersten Umweltbehörden geschaffen. In China war man immer gut zu mir. Man hat mir eine Professur an der besten Universität gegeben, den Ehrenvorsitz der chinesischen Umweltstiftung und einen Mitarbeiter, der Termine für mich regelt.

STANDARD: Mit "man" meinen Sie die Partei?

Strong: Die Partei ist nichts anderes als ein Führungssystem. Spitzenpolitiker in China sind kompetent. Premierminister Wen Jiabao ist ein starker Führer, aber kein Diktator, er entscheidet nicht allein.

STANDARD: China ist keine Demokratie ...

Strong: ... nicht unsere Art Demokratie. Wie rekrutiert Chinas Führungskräfte? Nicht aus den Reihen der Reichen, sondern man wählt kluge junge Leute aus, verschafft ihnen eine Ausbildung und gibt ihnen immer mehr Verantwor-tung.

STANDARD: Halten Sie westliche Demokratie für eine Hürde, um die Probleme der Welt zu lösen?

Strong: Demokratie ist ein gutes System, aber sie hat eine kulturelle Dimension. Jemand mit den Fähigkeiten eines George W. Bush wäre in China nie in eine hohe Position gekommen. Ich sage nicht, dass die chinesischen Politiker immer die richtigen Entscheidungen treffen, aber ihre Chancen sind besser.  (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.7.2009)

Zur Person

Maurice Strong (80, Kanadier) lebt als umweltpolitischer Berater der chinesischen Regierung in Peking. Er wechselte wiederholt zwischen Führungsposten in der Energiebranche, der kanadischen Regierung und den Vereinten Nationen. 1972 organisierte er die erste Weltumweltkonferenz in Stockholm, war Gründungsdirektor des dort beschlossenen UN-Umweltprogramms (Unep) in Nairobi und leitete 1992 den Weltumweltgipfel in Rio de Janeiro.

Am Dienstag erhielt Strong von Umweltminister Berlakovich das Große Goldene Ehrenzeichen mit Stern für Verdienste um die Republik Österreich, bevor er im Rahmen der Sommerschule des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) an der Diplomatischen Akademie Wien vortrug.

  • "Klimawandel ist die größte
Sicherheitsbedrohung überhaupt!", warnt "Mr. Environment" Strong.
    foto: christian fischer

    "Klimawandel ist die größte Sicherheitsbedrohung überhaupt!", warnt "Mr. Environment" Strong.

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