Warum Morphium-Entzug besonders qualvoll ist

10. Juli 2009, 18:44
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Wiener Hirnforscher entschlüsseln Mechanismus, durch den das natürliche Schmerzmittel wirkt

Wien/Washington - Morphium oder eigentlich: Morphin ist eines der stärksten bekannten natürlichen Schmerzmittel. Wenn es schnell abgesetzt wird, können erst recht furchtbare Schmerzen auftreten. Warum das so ist, war bis jetzt ein ungelöstes Rätsel, das eine Arbeitsgruppe um Jürgen Sandkühler, Leiter des Zentrums für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien, nun gelöst hat.

Der Grund dafür ist eine sogenannte Langzeitpotenzierung der Übertragung von Schmerzsignalen über die Kontaktstellen von Nervenzellen im Rückenmark, wie die Forscher - Erstautoren sind Ruth Drdla und Matthias Gassner - nun in einem Artikel im renommierten US-Wissenschaftsmagazin "Science" berichten.

Bei ihren Experimenten an Präparaten vom Rückenmark von Ratten in der Petrischale wie auch im Tierversuch in tiefer Narkose wurde offensichtlich, wie normalerweise harmlose Schmerzreize beim Morphin-Entzug im Rückenmark verstärkt und dann als ungewöhnlich stark und als ausgesprochen unangenehm empfunden werden: Mit einem modernen bildgebenden Verfahren, der Zwei-Photonen-Laserscanning-Mikroskopie, ließ sich zeigen, dass die Ursache dafür offenbar ein Anstieg der Konzentration von freien Kalziumionen in Nervenzellen des Rückenmarks ist.

Die Gruppe um Sandkühler beließ es aber nicht nur bei der Aufklärung der Ursachen, sondern testete auch Maßnahmen gegen den besonders quälenden Morphin-Entzug: "Einerseits kann man Opioide langsam ausschleichen. Die Dosis wird dabei ständig reduziert", so der Hirnforscher. "Man kann aber auch durch Anwendung bestimmter Substanzen die Entzugsschmerzen selbst dämpfen - etwa durch Medikamente, welche die sogenannten NMDA-Rezeptorkanäle blockieren."

Dazu gehören beispielsweise das Anästhetikum Ketamin oder das Alzheimermedikament Memantine. Die neuen Erkenntnisse aus der vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Grundlagenforschung können nun direkt den Schmerzpatienten zugutekommen. Und: Sie liefern ein weiteres Argument gegen den "kalten" Entzug von Opiatabhängigen.

Die Resultate stützen nämlich auch die Substitutionstherapie, in deren Rahmen einerseits die Dosis langsam reduziert wird. Zugleich wird dabei andererseits die soziale und gesundheitliche Stabilisierung der (ehemaligen) Abhängigen angestrebt. (APA, tasch/DER STANDARD, Printausgabe, 11./12. 7. 2009)

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    Am Anfang der Morphin-Verarbeitung steht der Schlafmohn.

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