Krieg, eine bewegte Landschaft

10. Juli 2009, 18:03
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Die Uraufführung von Maguy Marins Choreografie "Description d'un combat" in Avignon verwandelte Homers "Ilias" in ein getanztes Gemälde

Eine überzeugende Arbeit, die auch zum ImPulsTanz Festival kommt.

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Körper im zeitgenössischen Tanz sind nicht mehr zwangsläufig großen Verrenkungen ausgesetzt. Sie erzählen auch im beinahen Stillstand, in reduzierten Bewegungen. Ein Trend, den auch die französische Tänzerin und Choreografin Maguy Marin seit geraumer Zeit mitträgt.

Die 58-Jährige, die seit ihrem Durchbruch 1981 mit der legendären Beckett-Studie May B nicht nur in ihrer Heimat als Star gilt, ar-beitet stets nahe am Tanztheater. Das hat sie unter anderem mit ihrem zivilisationskritischen Catwalk Umwelt gezeigt. Ein Stück, dessen kompromisslose, beinahe tranceartige Dramaturgie das Publikum einigermaßen verstörte.

Ihre jüngste Produktion, Description d'un combat, die am Mittwoch beim Festival in Avignon ihre Uraufführung feierte und am 3. August beim Festival ImPulsTanz in Wien zu sehen sein wird, stößt erneut in diese Richtung.

Tänzerischer Endpunkt

Description d'un combat ist ein textlastiges und dabei bewegungsarmes Werk zum Thema Krieg, der übrigens den diesjährigen Auftakt des provencalischen Festivals dominierte: Allen voran mit einer elfstündigen Trilogie des libanesisch-kanadischen Theatermachers Wajdi Mouawad (sein Stück Verbrennungen war am Akademietheater zu sehen). Mit Christoph Marthaler, Rabih Mroué, Stefan Kaegi von Rimini Protokoll, Krzysztof Warlikowski, Johan Simons oder Jan Fabre versammelt das Festival d'Avignon im Verlauf dieses Monats die wesentlichen Protagonisten des internationalen Theater- und Tanzbetriebs.

Für Maguy Marin ist es ein Heimspiel. Im großen Saal des Gymnase-Aubanel-Komplexes mar-kierte Description d'un combat ("Beschreibung eines Kampfes", der Titel wird allerdings nicht übersetzt) einen tänzerischen Endpunkt. Neun Performer bringen in dieser vor allem an Homers trojanischen Kriegsberichten der Ilias orientierten Choreografie eine Landschaft in Bewegung. Ein düsteres tableau vivant, das unter Stoffgebirgen langsam, aber sicher verdeckte Kriegsgräuel zum Vorschein bringt. In wenigen, gleichförmigen Bewegungen - im Wesentlichen ist es ein Schreiten und Sich-Bücken - dringen die Tänzer dabei wie in tiefer liegende Schichten eines Gemäldes vor.

Der Abend entsteht als bildnerische Skulptur, in der Körper und Landschaft miteinander verschmelzen, und die sich im Sog der unaufhaltsamen Erzählung, der rauschhaften Musik und der monotonen Bewegungen entwickelt. Die Bilder wollen nicht viel behaupten, sie haben sich jedes Auftrags entledigt. Krieg will nicht mehr erklärt, sondern nur noch abgebildet werden. Kunst hat sich an dieser Stelle längst vom Aufklärungsgedanken verabschiedet und konzentriert sich auf die Kraft der hier erzeugten frappanten Schönheit.

Die Tänzer legen die mit blauen Stoffbahnen bedeckte Hügellandschaft sukzessive frei (blau: Planet Erde?) und ziehen sich diese als eigene "Haut" über; manchmal gleichen diese Kutten dann einem Toga-Gewand. Im Gewirr der Fetzen finden sich auch goldene Herrscherkostüme, imprägnierte Prachtkleider, die der jeweilige Finder anlegt und mit ihnen im düsteren Licht dahinschreitet. Menschen tragen schwer an der Last der hier ausgegrabenen Vergangenheit.

Am Ende, wenn alles freigelegt ist, sind es im Harnisch gefallene Soldaten, die die Erde freigibt: Kopfüber liegen sie im Staub des Kieselbodens.

Die Arbeiten von Maguy Marin sind nicht so bekannt wie jene von Pina Bausch oder Anne Teresa De Keersmaeker, arbeiten sich aber, vor allem in puncto Neuorientierung und Zeitgenossenschaft, an diese Klasse heran. Und sie gewinnen vor allem durch die Reduktion ihrer Mittel auf das Allerwesentlichste an Dringlichkeit. Ein Höhenflug, den man beim ImPulsTanz Festival (16. Juli bis 16. August) auch rückverfolgen kann: Maguy Marin ist auch mit ihrem Klassiker aus 1981, May B, sowie dem Meisterwerk Umwelt (2006) in Wien zu Gast. (Margarete Affenzeller aus Avignon, DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.07.2009)

  • Maguy Marins soeben in Avignon uraufgeführte Choreografie "Description
d'un combat" sucht unter Bergen von Stoffschichten nach verborgenen
Kriegsgräueln.
    foto: michel cavalca

    Maguy Marins soeben in Avignon uraufgeführte Choreografie "Description d'un combat" sucht unter Bergen von Stoffschichten nach verborgenen Kriegsgräueln.

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