"Österreich bräuchte ein paar coole prominente Schwule"

8. Juli 2009, 20:47
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Schwul und lustig gibt es in Wien schon lange

Schwule Inhalte mittels Humor zu vermitteln, das gibt es nicht erst seit Brüno. Der Wiener Club H.A.P.P.Y veranstaltet seit 1993 aktionistische Spielchen, bei denen homosexuelle und heterosexuelle Klischees gleichermaßen durch den Kakao gezogen werden. Dazu wummert House-Musik und wimmert Easy Listening. Das Mastermind dieses regelmäßig Hundertschaften anziehenden Clubs ist der 40-jährige Thomas Seidl alias Tomtschek.

Begonnen hat H.A.P.P.Y als kleine Party im Szenelokal Blue Box. Bald wurde diese so populär, dass sie in den großen Saal des Wuk umsiedelte. Inzwischen ist es nicht nur der längstgediente Club des Landes, H.A.P.P.Y hat in seiner langen, bunten Geschichte eigene Fernsehsendungen produziert, Bücher veröffentlicht - Haare am Po Po, Yeah! (Czernin Verlag) - oder erfuhr die Weihungen des avancierten Kulturbetriebs: etwa mit dem für das niederösterreichische Donaufestival aufgeführten Musical Lagerhouse, in dem Modezar Karl Lagerfeld und Pop-Sängerin Amy Winehouse zueinanderfinden. Und vieles andere mehr.

Nach 16 Jahren einschlägiger Erfahrung - besitzt Humor gesellschaftspolitische Veränderungskraft? Tomtschek: "Natürlich kann Humor politisch sein. In meinen Aktionen steckt meist die eine oder andere Message, auch wenn diese nicht gleich auf den ersten Blick auffällt. Selbst Fäkalhumor ist ohne Message meiner Meinung nach langweilig."

Das großfamiliäre H.A.P.P.Y ist in der Schwulen- und Lesbenszene längst etabliert. Letzten Samstag waren seine Aktivisten auf der Wiener Regenbogenparade als Burschenschaftler verkleidet zu sehen. Irgendwie passend, irgendwie nicht: Burschenschaften und ihre homoerotisch aufgeladenen, teils blutigen Rituale sind in Österreich gesellschaftsfähig, die Homoehe nicht. Was läuft da falsch?

Tomtschek: "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Es gibt sicher schwule Burschenschaftler. Schwul zu sein, macht einen ja nicht automatisch zu einem besseren Menschen - oder bewahrt einen davor, ein Arschloch zu sein. Und die Tatsache, dass wir noch immer keine Homoehe haben, hat weniger mit gesellschaftlicher Akzeptanz als mit kleingeistigen reaktionären Politikern zu tun. Ob die Heteros oder Homos sind, bleibt dahingestellt."

Brüno wird unter Homosexuellen weitgehend gelassen betrachtet. Dennoch gibt es vereinzelnd Stimmen, die meinen, eine Figur wie Brüno schaffe kein Verständnis für alltägliche Probleme Homosexueller, sondern bediene nur Stereotypen für billige Lacher.

Tomtschek: "Brüno ist natürlich ein einziges Klischee. Es wäre auch nicht so unterhaltend, wenn Brüno ein schwuler Bauer oder Automechaniker wäre. Solche Schwule kommen in den Medien leider viel zu selten vor, obwohl das für Akzeptanz und Verständnis wichtig wäre. Brüno als Karikatur des Bildes eines schwulen Mannes, wie man ihn in den Medien vorgesetzt bekommt, taugt nur zur Unterhaltung. Was wir in Österreich zur Erhöhung der Toleranz wirklich gut brauchen könnten, wären ein paar coole Prominente, die offen zu ihrer Homosexualität stehen. Herr Haider, der bei jeder Gelegenheit betont, dass sein Outing der größte Fehler seines Lebens war, bringt uns hier nämlich überhaupt nicht weiter."

Apropos: Ganz Österreich rätselt ja, wer die Realvorlage Brünos sein könnte - eine Idee? Tomtschek: "Ich gehe davon aus, dass Sacha Baron Cohen genug Kreativität hat, keine realen Vorbilder zu brauchen, um eine Kunstfigur wie Brüno aus dem Ärmel zu schütteln. Das Gerede von den Realvorlagen dient nur irgendwelchen Wichtigtuern, um sich in die Medien zu bringen." (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.7.2009)

 

  • Tomtschek: "Herr Haider bringt uns da nicht weiter."
 
 
    foto: h.a.p.p.y

    Tomtschek: "Herr Haider bringt uns da nicht weiter."

     

     

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