Schönheit für die späten Stunden

8. Juli 2009, 19:22
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Der New Yorker Moby veröffentlichte mit "Wait For Me" eben sein neuntes Studioalbum - und ist nächste Woche Headliner beim Nuke-Festival in Wiesen

Nebst Jan Delay, Calexico, Joss Stone und anderen mehr.

Wien - Nach der Nacht im Club kommt die Afterhour. So nennt man jene Zeit, in der wackere Clubber nach langen Stunden auf dem Tanzboden ermattet in den Seilen hängen. Die aufputschenden Drogen lassen nach, die Knie sind weich wie Polster: Chillout ist angesagt. Der Soundtrack dazu sollte entsprechend sein. Nix mehr mit 180 Beats per Augenaufschlag, gedämpftes Licht statt Stroboskop. Langsame Substanzen statt Vollgaszuckerl. Überlebenskunst.

Nachdem der New Yorker Musiker Moby mit dem Album Last Night (2008) eine Hommage an die Zeit wilder Raves und eines glücklich machenden Hedonismus produziert hatte, legt er nun mit seinem eben erschienenen Wait For Me den Afterhour-Sound nach. Das gelang ihm besser als der nostalgische Vorgänger, der eher glücklos versucht hatte, die Energie von damals, den 1990ern, ins Jetzt zu transportieren.

Wait For Me wurde Journalisten in den USA vorab während einer Massage vorgespielt. Das war möglicherweise keine glückliche Entscheidung. Denn derlei Marketing-Aktionismus weckt Assoziationen zu Walgesängen, Wellness und esoterischem Firlefanz, der Geist und Körper schmeicheln soll.

Verwertungsavantgardist

Mit den großen, fast hymnischen Popsongs, mit denen der ehemalige Punk und spätere Techno-DJ, Remixer, Produzent und direkte Nachfahre des Moby Dick-Autors Herman Melville in den 1990ern zum Weltstar wurde, hat Wait For Me nichts mehr gemeinsam. Nur in wenigen Songs gestattet sich der als Nerd - Hornbrillo, Abstinenzler, Vegetarier - stigmatisierte Moby einen Ausflug ins Popfach - etwa in Mistake, in dem er auch selbst singt. Ansonsten vertraut der 43-Jährige auf die von ihm zur Meisterschaft geführte Praxis, erlesene Fremdstimmen zu samplen. Diese kommen meist aus dem Gospel, alten Field-Recordings oder dem Soul - was seine Tracks so verführerisch macht.

Der Popstar Moby erarbeitete sich dazu den Ruf, ein begnadeter Verwertungsavantgardist zu sein. Als es in weiten Kreisen noch verpönt war, Musik gegen viel Geld in profanen Werbespots verwenden zu lassen, machte der als Richard Melville Hall Geborene genau damit ein zweites Vermögen. Große Marken kauften sich Credibility und Coolness über die Bekanntheit seiner Songs. Viel Geld für nichts, weil die Arbeit ja längst getan war. Heute, in Zeiten der rapide abbauenden Musikindustrie, sind Musiker froh, wenn ihre Werke in der Werbung oder in Fernsehserien auftauchen. Den Stolz, auf derlei Anfragen Nein zu sagen, muss man sich nämlich leisten können.

Ob Wait For Me diesbezüglich Potenzial besitzt, wird die Zukunft beantworten. Für die Gegenwart lässt sich konstatieren, dass es Mobys mutigstes Album seit langem ist. Zumal Ambient-Pop nicht gerade radiotauglich ist und in Zeiten drastisch verkürzter Aufmerksamkeitsspannen ein mit 16 Songs von vorn bis hinten durchkomponiertes Album nach einer Hingabe verlangt, die Popmusik - meist zurecht - kaum mehr genießt.

Live beim Nuke-Festival

Moby greift hier stellenweise wieder auf Vokal-Samples zurück und bastelt aus schlurfenden Beats und einigen wenigen Textzeilen kleine lidschwere Meisterwerke wie Pale Horses, dem elegische Streicher und Zeilen wie "All my family died" zusätzliche Gemütsschwere verordnen. Wie sehr sich das neue Album in sein Live-Programm einschleicht, lässt sich nächste Woche beim Nuke-Festival im burgenländischen Wiesen überprüfen. Dort wird Moby als Headliner das zweitägige Festival bestreiten, gemeinsam mit den sehnsüchtigen US-Grenzland-Rockern Calexico, der britischen Soul-Sängerin Joss Stone oder Jan Delay und dessen Band Disko No. 1. Calexico bringt aktuell ein Livealbum mit auf Tour, und Jan Delay veröffentlicht Mitte August sein neues Album Wir Kinder vom Bahnhof Soul.

Auf diesem dritten Soloalbum des einstigen deutschen HipHoppers Jan Eißfeldt führt dieser fort, was er mit Searching For The Jan Soul Rebels und Mercedes Dance begonnen hat. Nämlich fett produzierten Soul und Funk mit großer Band als klassische Soul-Revue zu präsentieren. Der nasale Gesang des Norddeutschen erwies sich zudem schon im Reggae-Fach als mehrheitsfähig, live gilt er als launiger Entertainer.

Zu weiteren Acts beim Nuke-Festival zählen das britische House-Duo Basement Jaxx, der britische Singer-Songwriter James Morrison oder 2Raumwohnung aus Berlin. (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.7.2009)

 

  • Moby und Jan Delay (u.): zwei musikalische Welten - beide treffen beim Nuke-Festival in Wiesen aufeinander.
    foto: edel

    Moby und Jan Delay (u.): zwei musikalische Welten - beide treffen beim Nuke-Festival in Wiesen aufeinander.

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