Just because we can

8. Juli 2009, 14:08
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Das Festival of Speed in Goodwood ist kein Rennen. Es gibt keine Verlierer, aber jeder fühlt sich als Gewinner

Goodwood - Warum? Gute Frage. Warum baut man in England ("If you don't like the weather, wait ten minutes.") mit viel Liebe Autos ohne Dach? Eben. Halten wir uns also nicht zu lange auf mit Themen wie Benzinverbrauch, Wirt­schaftlichkeit, Umweltverträglichkeit oder dem tieferen Sinn von irgendetwas betreffend das "Festival of Speed" im Englischen Goodwood.

Seit nunmehr 16 Jahren lädt der Earl of March dazu ein, seine 1,16 Meilen lange Hauseinfahrt mit dem selbst mitgebrachten Vehikel hinaufzufahren und jedes Jahr lassen sich weniger Menschen dieses Spektakel entgehen. Inzwischen hat ihm so gut wie alles die Ehre erwiesen, was die Rennsport­geschichte mitgeschrieben hat - ob auf zwei Beinen oder auf zwei oder mehr Rädern.

Es handelt sich dabei aber weniger um ein Rennen, als vielmehr an eine Hommage an nichts Geringeres als den Motorsport und alle, die ihm verfallen sind. Das sind Teamchefs und Fahrer ebenso wie die Fans und Zuseher. Und so ist die Distanz zwischen allen diesen traditionell sehr gering. Aufgereiht wie die Perlen, die sie sind, stehen die Autos in den Paddocks und an ihren Scheiben drücken sich die Nasen von unzähligen Kindern jeglichen Alters platt. Viele von ihnen (den Autos) haben für so viele Millionen den Besitzer gewechselt, dass die Währung schon keine Rolle mehr spielt.

Ran an die Strohballen

Die Gefühle sind denn auch gemischt, wenn sie die wellige und kurvige Strecke teilweise tatsächlich im Renntempo hinauf gejagt werden und nicht wie sooft, im Museum stehend keinen Staub fangen und schon gar keinen aufwirbeln dürfen. Meist staunt man einfach nur mit offenem Mund über Lärm und Duft der Motoren, dann plötzlich kommt ein Auto gefährlich nahe an die Strohballen und das Herz rutscht einem sekundenschnell auf Kniehöhe. Und es bricht fast, wenn einem Fahrer letztlich doch Talent und Strecke ausgehen und die Scherben, die liegen bleiben mehr wert sind, als das eigene Auto.

Zum Glück verteilen die Teilnehmer aber nicht nur Scherben sondern vor allem Gummi. Die Show steht eindeutig über dem Wettbewerb. Burnouts auf der Strecke, Flugshows in der Luft und Live-Jazzmusik beim Style-et-Luxe. Dort werden seit 1995 die schönsten und seltensten Fahrzeuge der Welt in einer Art Freilicht-Museum ausgestellt und von einer Jury gekürt.

Legendäre Rallye-Monster

Einzigartig wie die meisten teilnehmenden Fahrzeuge und ihre Geschichte ist auch das Ambiente der Veranstaltung. Alles läuft derart gelassen und professionell von statten, dass man bald völlig vergisst, nach Sachen wie Geld oder eben Sinn zu fragen. Über das riesige Anwesen spazierend sieht man hier Familien picknicken, dort Menschen beim Austausch von Geschichtswissen, das dem eigenen meist weit überlegen ist. Zwischendrin erblickt man immer wieder bekannte Gesichter wie z.B. das von Star-Komiker Jay Leno oder auch das von Jamiroquai-Frontmann Jay Kay. Mehr oder weniger erkannt gustieren auch sie bei den Autos und Motorrädern. Nirgends bekommt man sie in derartiger Vielfalt geboten. Vom strahlend weißen Prinz-Heinrich Wagen, Jahrgang 1910, über die legendären Rallye-Monster der Gruppe B bis hin zu aktuellen Formel-1 Autos gibt sich alles die Ehre.

2009 feiert hier Frank Williams sein 40-jähriges Engagement im Motorsport, ebenso wie die Automarke Mini ihr 50-jähriges Bestehen, passend zum diesjährigen Motto "True Grit - Epic Feats of Endurance" (Wahres Stehvermögen - unglaubliche Beispiele an Ausdauer).

Ausdauer und langes Bestehen wünscht sich und der Veranstaltung mit Sicherheit auch jeder der Anwesenden, um sich auch weiterhin einmal jährlich völlig sinnbefreit dem Benzin in seinem Blut widmen zu können. (Max Knechtel; derStandard.at, Juli 2009)

  • Ja, gib Gummi!
    foto: knechtel

    Ja, gib Gummi!

  • Artig verfolgen sich die Boliden in Goodwood.
    foto: knechtel

    Artig verfolgen sich die Boliden in Goodwood.

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