Unerkannte Opfer des Kinderhandels

7. Juli 2009, 19:27
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"Mehrere 100.000 Kinder" werden laut EU-Grundrechtsagentur in Europa jährlich Opfer von Menschenhändlern

Unter den Betroffenen befindet sich auch mancher jugendliche Bettler. 

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Wien/Brüssel - Dörfer, die aus armseligen Hütten bestehen, überragt nur von ein bis zwei Villen, "die alle Stücke spielen": So beschreibt Norbert Ceipek, Leiter des Wiener Krisenzentrums Drehscheibe, die rumänischen oder bulgarischen Herkunftsorte jener Kinder, um die er und seine Mitarbeiter sich kümmern. Die Eltern der Kinder aus den Hütten seien bei den Villenbesitzern meist verschuldet oder anders von ihnen abhängig - und so werde mancher Minderjährige in reiche EU-Staaten gebracht - zum Betteln oder sonst Geldmachen.

Doch von "Kinderhandel als solchem" mit diesen unter 18-Jährigen will Ceipek nicht sprechen. Vielmehr von "einer Art Leasingsystem", die sie in ausbeuterische Strukturen zwinge. Damit jedoch entspricht die Wiener Drehscheibe-Klientel mit ihren wöchentlich ein bis zwei Neuzugängen genau der Zielgruppe eines neuen Berichts der EU-Grundrechtsagentur (FRA) über "Kinderhandel in der Europäischen Union", der am Dienstag in Brüssel vorgestellt worden ist.

"Das zentrale Kriterium, um Opfer von Kinderhandel zu identifizieren, ist, dass sie von Erwachsenen ausgebeutet werden", erläutert der FRA-Experte und Studienzuständige Niraj Nathwani. "Schätzungsweise mehrere 100.000 Minderjährige", so der FRA-Mann, seien in der Union alljährlich von Kinderhandel betroffen. Die Bandbreite reiche von jugendlichen Bettlern über junge Mädchen, die als Hausangestellte ausgebeutet oder zur Prostitution gezwungen werden, bis hin zu Kindern beiderlei Geschlechts, die für Internetpornos herhalten müssen - oder gar zu Organspenden gezwungen würden.

Spurlos verschwunden 

Oftmals würden die Betroffenen einfach spurlos aus Heimen oder anderen Unterkünften verschwinden, erläutert Nathwani. Etwa in Italien, wo Innenminister Roberto Maroni vermutete, dass die 400 Minderjährigen, die im Jahr 2008 das Flüchtlingslager auf der Insel Lampedusa spurlos verlassen haben, Opfer von Menschenhandel zum Zweck der Organbeschaffung geworden sein könnten.

Vielfach würden Opfer von Kinderhandel also solche gar nicht identifiziert, weil es bei den Behörden an Wissen und Know-how mangle, meinte am Dienstag FRA-Direktor Morten Kjaerum. Ziel des neuen Bericht sei es daher, alle verfügbaren Daten über das "vielfach unterschätzte" Problem zu sammeln sowie Empfehlungen für die EU-Kommission und das EU-Parlament wie auch für nationale Gesetzgeber und Hilfsgruppen auszusprechen.

Etwa den dringenden Rat, Opfer von Kinderhandel prinzipiell nicht zu bestrafen - und sie daher auch unter keinen Umständen in Gefängnisse zu sperren. Ein Behandlungsstandard, der laut Bericht jedoch nur in einer Minderheit der EU-Mitgliedsstaaten eingehalten wird: In Ungarn etwa ist die Inhaftierung Jugendlicher Drittstaatangehöriger prinzipiell verboten, in Finnland dürfen unter 18-Jährige überhaupt nicht eingesperrt werden. Stattdessen wurde dort ein Befragungs- und Beobachtungsprogramm entwickelt, das Mitarbeitern der Sozialämter die Erkennung von Kinderhandelopfern erleichtert.

Österreich hingegen halte die FRA-Empfehlungen nicht ein, kritisiert der Wiener Kinder- und Jugendanwalt Anton Schmid: "Immer wieder werden bei uns Jugendliche in die Schubhaft eingewiesen, sogar alleinstehende". Zudem komme es - Stichwort Geheimprostitution - vor, dass über junge Mädchen aufgrund dessen Verwaltungsstrafen ausgesprochen würden. Schmid: "Das schafft kein Klima des Vertrauens." (Irene Brickner, DER STANDARD - Printausgabe, 8. Juli 2009)

  • Freiwillig oder ausgebeutet? Kinder, die betteln, werden laut Experten oftmals von Erwachsenen dazu gezwungen.
    foto: standard/matthias cremer

    Freiwillig oder ausgebeutet? Kinder, die betteln, werden laut Experten oftmals von Erwachsenen dazu gezwungen.

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