Wiens Museen geben einiges Islamisches her

6. Juli 2009, 18:17
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Objekte islamischer Kunst in Wiener Museen werden nun erstmals systematisch erfasst und erforscht

Wien - Geschätzte 30.000 Gegenstände islamischer Kunst gibt es in den öffentlichen Sammlungen Wiens. Vieles davon, sagt Barbara Karl vom Institut für Iranistik an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, ist „sicht- und besichtigbar, wenngleich nicht immer auf den ersten Blick sehbar". Die Kunsthistorikerin bearbeitet ein vom Fonds Wissenschaft und Forschung (FWF) finanziertes Pilotprojekt zur Erfassung dieser Objekte, das heißt deren Umfang, Art und Standorte.

Kosmos in der Kunstkammer

Eine weitere Forschungsfrage betrifft die sammlungsgeschichtliche Einordnung der Gegenstände. 700 Jahre lang wurde von den Habsburgern kontinuierlich gesammelt, wobei sich die Konzepte jedoch im Lauf der Zeit änderten. Angefangen hat es in der mittelalterlichen (mobilen) Schatzkammer als Sammelsurium von wertvollen und exotischen oder einfach nur kuriosen Gegenständen. In den späteren Kunst- und Wunderkammern sollte nichts Geringeres als den Kosmos präsentiert sein, während im Laufe des 16. Jahrhunderts die Sammlungen neu organisiert und so zerstückelt und spezialisiert wurden.

In Österreich gibt es keine Institution, die die Aufgaben des Faches Islamische Kunstgeschichte wahrnimmt, deshalb existiert bis dato keine Übersicht, nur einzelne Stücke wurden aufgearbeitet und veröffentlicht. Karl arbeitet jetzt mit den Museen Wiens zusammen, wobei die Objekte, sowohl was die Zeit als auch ihre geografische Herkunft betrifft, weit gestreut sind - von, um nur drei Beispiele zu nennen, den einstmals mit Reliquien gefüllten Glasflaschen aus dem späten 13. Jahrhundert über die von Karl von Lothringen erbeutete türkische Fahne, beide im Dom- und Diözesanmuseum, bis zum bengalischen Handtuch aus dem 19. Jahrhundert im MAK.

Berühmtes Grabgewand

Ein eigenes Kapitel sind die Textilien aus der islamischen Welt. Eine breitere Beachtung hat zuletzt das Grabgewand (siehe Foto) von Rudolph IV. (Rudolph der Stifter, gestorben 1365) gefunden, das am Institut für Iranistik von Markus Ritter in Zusammenarbeit mit der Universität für angewandte Kunst (Regina Knaller, textiltechnische Analysen) studiert wird. Auch dieses Objekt hat in St. Stephan die Zeiten überdauert. 

Es handelt sich dabei um einen mit Goldfäden - eigentlich vergoldete Silberstreifen - gewebten Seidenstoff, mit großer arabischer Schrift auf gemustertem Hintergrund. Das Weben von Goldfäden wurde in China erfunden, heute sind nur wenige dieser damals in ganz Asien als Luxusgut geschätzten Stoffe erhalten. Das Wiener Grabtuch ist auch eine Besonderheit durch den historischen Bezug: Die Inschriften lassen sich auf den Mongolenherrscher Abu Said beziehen, der 1316 bis 1335 in Täbris regierte - zu jener Zeit war Iran Teil des Mongolenreiches, das sich von China bis Osteuropa erstreckte.

Oft peinliche Geschichte

Wie der Stoff zu Rudolph kam, ist ungeklärt, man konnte ihn, so Ritter, wegen der arabischen Schrift für eine Reliquie aus dem Heiligen Land halten.
Wie die Stücke alle nach Wien gelangt sind, ist eine spannende, oft nicht mehr zu klärende - und manchmal etwas peinliche - Sache. Barbara Karl erwähnt den Kanonikus Bock, der im 19. Jahrhundert frisch durch Klöster zog und aus alten Paramenten Proben herausschnitt - zum damaligen und heutigen Nutzen des MAK und seiner Sammlung von Textilbeispielen aus der ganzen Welt. (guha, DER STANDARD Printausgabe, 7.7.2009)

  • Das Grabgewand Rudolph des Stifters: chinesische Goldwebetechnik, hergestellt im Iran
    foto: dommuseum wien

    Das Grabgewand Rudolph des Stifters: chinesische Goldwebetechnik, hergestellt im Iran

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