Wenn das Kino die Wanderlust packt

3. Juli 2009, 17:34
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Wiener Sommerkinos, einmal anders: Das Kino unter Sternen zeigt österreichische Filme am Karlsplatz, "Kino wie noch nie" heißt es auch heuer am Augartenspitz - nur das Volxkino wandert wie eh und je durch die Bezirke

Wien - Die Wiener Sommerkinolandschaft befindet sich im Umbruch. Filmcasino, Stadtkino und Votiv verzichten auf ihr traditionelles Ferienprogramm und bringen aktuelle Produktionen ins Kino. Doch auch die Freiluftspielstätten, die in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebten, verändern ihr Profil. Einig sind sich Kinobetreiber darüber, dass eine gewisse "Ernüchterung" in puncto Sommerkino herrscht und das Publikumsinteresse in den letzten Jahren zum Teil überschaubar blieb. Im Filmcasino leistet man sich zum 20-Jahr-Jubiläum Mitte September lieber eine Retrospektive des japanischen Anime-Meisters Hayao Miyazaki.

Das Kino unter Sternen, eines der profiliertesten Sommerkinos, hat die Wanderlust gepackt. Statt wie bisher im Schatten des Flakturms im Augarten wurde die Leinwand auf dem Karlsplatz aufgestellt. Bis 24. Juli zeigt man dort, erstmals bei freiem Eintritt, für rund 200 Besucher ausschließlich österreichisches Kino. "Das ist ja nicht so öde, wie manche Leute glauben", sagt Veranstalterin Judith Wieser. "Nach zwölf Jahren im Augarten war die Zeit reif für Veränderungen. Wir sind ja kein Unternehmen!"

Ursprünglich war geplant, mit dem Filmmuseum zu kooperieren. Mühsame Behördengänge haben aber schließlich ein leichter zu realisierendes Programm nahegelegt: "Wir gehen dieses Jahr vom Vorprogramm aus - gleichsam um die heimische Filmszene vor den Arbeiten zu präsentieren." Das Kino wird somit auch sozialer Sammelplatz: Gespräche, Musik, Aktionen leiten die Vorführungen ein.

Beispielsweise wird heute, Samstag, Regisseurin Tina Leisch (Gangster Girls) mit der Ex-Gefängnisinsassin Sammy Kovac absurde Häfenerlebnisse besprechen. Das Pink Zebra Theatre bringt dem Publikum mehrmals Walzerschritte bei, während der Premiere von Nina Kusturicas sehenswertem Dokumentarfilm über jugendliche Asylbewerber, Little Alien (11. 7.), ein Quiz gegen Stammtischparolen vorausgeht.

Sag niemals nie

Womöglich erwuchs dem Kino unter Sternen auch durch das zweite Sommerkino im Augarten zu große Konkurrenz. Viennale-Direktor Hans Hurch, einst Mitbegründer von Kino unter Sternen, bedauert jedenfalls die Abwanderung des Nachbarn. "Das Filmarchiv haben wir heuer vor allem auf inhaltlicher und technischer Ebene unterstützt", sagt Hurch zur Wiederholung von "Kino wie noch nie". Den diesjährigen Berlinale-Gewinner, das chilenische Frauendrama La teta asustada, gebe es anstatt auf der Viennale bereits hier als Premiere zu sehen (22. 8.). "Ich wollte auch Filmen, die im Kino unter ihrem Wert geschlagen wurden, eine zweite Chance geben: dem Monsterfilm The Host oder Valeska Grisebachs Sehnsucht."

Ursprünglich sollte Kino wie noch nie an das nicht realisierte Filmkulturzentrum im Augarten erinnern. Diese Standortpolitik bleibt aktuell. Just zum Zeitpunkt des Sommerkinos wurden erste Bauvorbereitungsarbeiten für den Konzertsaal der Wiener Sängerknaben anberaumt. Die Wiener Grünen haben deshalb für nächsten Dienstag, um 10.30 Uhr, eine Protestaktion angekündigt. Künstler wie Barbara Albert, Otto Lechner, Robert Menasse und auch Hurch übernehmen die Patenschaft für Bäume auf dem Areal.

Auch die "jungen Veteranen" des Wiener Freiluftkinos, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum begehen, mussten seinerzeit erst Überzeugungsarbeit in Sachen ambulante Filmvorführung im Stadtraum leisten. Inzwischen, so Volxkino-Mitbegründer Berndt Anwander, unterstützen Stadt und Bund die Idee, "Filme zu den Leuten" in lichtspieltechnisch unterversorgte Gegenden zu bringen.

Schon seit Anfang Juni tourt das Volxkino wieder durch die Bezirke und zeigt bei freiem Eintritt populäre Filme aus dem Programmkinorepertoire. Außerdem wird das Dach der Hauptbücherei heuer den ganzen Sommer über mit handverlesenen Komödien bespielt. "Eigentlich müssten wir die Gewinner des Klimawandels sein" - aber Sturm und Regen haben in den Anfangswochen viele Vorführungen verblasen.

Die Pioniere vom Volxkino haben ohnehin schon wieder neue Ideen: Es sei, so Anwander, nämlich ein Irrglaube, dass die Menschen sich nur im Sommer gern im Freien aufhielten: "Im Winter halten sie sich am Glühwein fest" - und die Projektionisten von St. Balbach machen dazu "Schneeflockenkino". (Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

>>> Am Teich, im Hof, im Garten
Kino unter freiem Himmel ist österreichweit ein fixer Sommerbestandteil

  • Das Kino erobert auch in diesem Sommer wieder den öffentlichen Raum:
Nicht nur die Pioniere vom Volxkino fungieren in Wien als
Lichtspiel-Nahversorger.
    foto: st. balbach

    Das Kino erobert auch in diesem Sommer wieder den öffentlichen Raum: Nicht nur die Pioniere vom Volxkino fungieren in Wien als Lichtspiel-Nahversorger.

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