Zärtlichkeit und Schmerz

3. Juli 2009, 18:22
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Die Psychiatrieärztin und Autorin gilt, obwohl die Kritik ihre Bücher feiert, als Geheimtipp - Ein Porträt

"In meinen Büchern geht es immer auch darum, wie ein Individuum aus der Gesellschaft fällt, welche Instanz die Grenzen dafür setzt, was ‚normal‘ ist, und inwieweit sich die Psychiatrie auch heute noch dazu missbrauchen lässt, eine Exekutive der Gesellschaft zu sein" , sagt die 1961 in Kapfenberg geborene Schriftstellerin und Psychiatrieärztin Melitta Breznik. Es sind Stichworte wie Gewalt, auch familiäre, die Zurichtung von Menschen durch Menschen, Erinnerungen, die nicht verblassen wollen, aber auch Mitgefühl und Sanftheit, die sich wie ein roter Faden durch ihr Werk ziehen.

"Herzhöhlentiere" hat ein Kritiker Brezniks Figuren einmal genannt, und die NZZ schrieb: "Man ist kein besserer Mensch, wenn man Melitta Breznik gelesen hat, doch fühlt man tiefer, sieht man klarer, denkt man schärfer. Was will man mehr von Literatur?" Dass die Autorin zwar bei der Kritik Erfolge feiert, aber immer noch als Geheimtipp gilt, hat vor allem damit zu tun, dass ihre Bücher in großem zeitlichen Abstand erscheinen. Sieben Jahre hat sie sich etwa für ihren heuer erschienenen Roman Nordlicht Zeit gelassen, eine kleine Ewigkeit für den sich immer schneller drehenden Literaturbetrieb. Als sie 1995 ihr Debüt Nachtdienst schrieb, war Melitta Breznik, die ihre Arztausbildung in Graz und Innsbruck absolvierte, noch Chirurgin: "Es war mir aber schon damals klar, dass ich gern in die Psychiatrie gehen möchte. Ich wollte aber zuerst einmal eine Allgemeinpraktikerausbildung machen, um die körperliche Seite des Menschen im Griff zu haben. Erst anschließend wollte ich mich an die Psyche wagen." Von der "unglückseligen Trennung zwischen Psychiatrie und Somatik" hält sie nichts: "Das gehört zusammen, denke ich".

Klarheit ist eines der Worte, die einem in den Sinn kommen, wenn man Melitta Breznik als Person sieht - und Irritierbarkeit. Und so ist auch ihre Prosa, ein gelenkiger, schlanker Satzbau, federnder Rhythmus und ein Ton, in dem sich Zärtlichkeit und Schmerz, Zurückhaltung und das Bedürfnis nach Nähe mischen. Es ist ein Ton, der auf einer bildmächtigen Sprache beruht, auf präzisen Momentaufnahmen und kleinen Gesten, in denen mit wenigen Worten ein ganzes Leben und die feinen Haarrisse in unserer Realität sichtbar werden können.

Von Anfang an, also seit ihrem Debüt Nachtdienst, einer Erzählung über Spitalsalltag und die späte Annäherung einer Tochter an ihren Vater, interessiert sich Melitta Breznik nicht für die Oberfläche der Dinge oder des Lebens, sondern für das, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Durch die tieferen Schichten ihrer Bücher, die von der Kritik gern als lakonisch bezeichnet werden, was sie nur auf den ersten Blick sind, ziehen sich unterirdische Lavaströme, etwa in der Erzählung Die Frau aus ihrem zweiten Buch Figuren. Ein Professor hält an einer Uniklinik einen Vortrag und wird dort mit einer Patientin konfrontiert. Ein "klassischer Fall, wie er mit einem Blick erkennt" , seit 44 Jahren ununterbrochen in psychiatrischer Behandlung (vom Elektroschock bis zur "Durchtrennung beider Hirnhälften). In den ersten Jahren schrieb die Patientin noch Briefe an einen unbekannten Österreicher, an ebendiesen Professor, der ihr einst die Ehe versprochen hatte, "sie nach dem Krieg zu sich nach Wien holen wollte" und sie dann sitzenließ. Eine zufällige Begegnung? Fügung? Schicksal hat man solche Dinge früher einmal genannt.

Der Zweite Weltkrieg, "der nicht nur für die Kriegsgeneration, sondern auch für die nächste und die weiteren Generationen eine Rolle spielt, auch wenn es nicht an der Oberfläche ist" , spielt, wie Breznik sagt, auch deshalb in ihren Büchern immer wieder eine Rolle, weil sich gerade zu dieser Zeit die Psychiatrie dazu habe missbrauchen lassen, Menschen aus der Gesellschaft "auszuscheiden" . So handelt ihr drittes Buch Das Umstellformat vom Euthanasietod ihrer Großmutter, den sie anhand von Originaldokumenten und Briefwechseln rekonstruiert. Im heuer erschienenen Roman Nordlicht setzt sich ein Erzählstrang, ausgehend von zwei Frauengeschichten, mit dem Schicksal von Kindern deutscher Besatzungssoldaten mit Norwegerinnen auseinander. Viele dieser "Deutschenbastarde" wurden ihren Müttern nach Kriegsende weggenommen und in Heime gesteckt.

Die zum großen Teil harten Familiengeschichten, die sich durch ihre Bücher ziehen, mag die steirische Autorin, die Österreich früh verließ, in Zürich und Chur arbeitete und seit kurzem im Schwarzwald eine Akut- und Rehabilitationsklinik mit komplementärmedizinischem Ansatz leitet, nicht überbewerten. Auf die Frage, ob eventuell die Familie der Hort allen Unglücks sei, antwortet sie mit einem bestimmten Nein. Lieber sieht sie "die Familie als den Versuch einer liebenden Begegnung unter teilweise schwierigen Bedingungen. Ich denke, man kann auch aus den Schwierigkeiten einer familiären Konstellation lernen."

Vieles bleibt in den Büchern Brezniks ungesagt, und trotzdem schwingt es mit, ist da. In der Kunst gehe es darum, vom Verlorenen so zu handeln, als sei es immer noch Möglichkeit, als käme es von vorn, wieder auf einen zu, schrieb Adolf Muschg einmal. Das Wissen um diese Magie der Literatur, die Kraft des Wortes und die Macht des Mitfühlens, auch mit sich selbst, ist es, was die stellenweise todtraurigen Bücher dieser Autorin so groß und auch hoffnungsvoll macht. Ein Pessimist sei ein gut informierter Optimist, meinte der russische Regisseur Juri Ljubimow. Melitta Breznik sieht es anders: "Ich bin Optimist. Es gibt in jeder Krise Hoffnung." (Stefan Gmünder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 04./05.07.2009)

Die Bücher Melitta Brezniks ("Nachtdienst" , "Figuren" , "Das Umstellformat" und "Nordlicht" ) erschienen im Luchterhand-Verlag.

Hinweis:
Am 16. Juli liest sie im Rahmen der O-Töne im Museumsquartier.

  • Vieles bleibt ungesagt, und doch ist es da: Melitta Breznik.
    fotos: robert newald

    Vieles bleibt ungesagt, und doch ist es da: Melitta Breznik.

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