In den Gärten der Gewalt

30. Juni 2009, 17:39
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Die Kaukasusrepubliken Inguschetien und Dagestan kommen nicht zur Ruhe - im Juni starben drei Politiker bei Anschlägen

Die russischen Kaukasusrepubliken Inguschetien und Dagestan kommen nicht zur Ruhe. Alleine im Juni wurden in der Unruheregion drei hochrangige Politiker bei Anschlägen getötet. Nach dem Selbstmordattentat auf den inguschetischen Präsidenten Junus-Bek Jewkurow, zu dem sich die tschetschenische Extremistengruppe "Gärten der Tugendhaften" bekannt hat, herrscht in Inguschetien ein Machtvakuum. Der Kreml möchte nun den umstrittenen tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow als Geheimwaffe einsetzen. Experten rechnen nur mit einer Zunahme der Gewalt.

Auf das Auto des Präsidenten wurde vor einer Woche ein Selbstmordattentat verübt. Dabei kamen drei Menschen, darunter ein Verwandter Jewkurows, ums Leben. Der ehemalige Armeeoberst und Agent des russischen Auslandsgeheimdienstes Jewkurow wurde schwer verletzt und wird derzeit in der Moskauer Klinik Wischnewski behandelt. Er hat seit dem Anschlag das Bewusstsein nicht wieder erlangt.

Immer wieder Entführungen und Anschläge

Das Attentat stellt einen herben Rückschlag für die russische Kaukasuspolitik dar. Während es in Tschetschenien gelang die Rebellen mit brutaler Gewalt und viel Geld aus Moskau in Schach zu halten, wird die Lage in den Nachbarrepubliken zunehmend instabil. Immer wieder kommt es zu Entführungen und Anschlägen. Während die russischen Sicherheitskräfte die Schuld an den Terroraktionen militanten Islamisten und globalen Terrornetzwerken zuschieben, sehen Einheimische die Wurzel des Terrorismus in Armut, Korruption sowie in der gesellschaftlichen Struktur der Familienclans begründet.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew machte für den Anschlag "Banditen" verantwortlich, die auf Jewkurows hartes Durchgreifen bei der Bekämpfung von Korruption und Terrorismus reagiert hätten. Zu dem Selbstmordattentat bekannte sich mittlerweile allerdings die tschetschenische Separatistengruppe Rijadus-Salichin (auf deutsch: Gärten der Tugendhaften), die bereits für die Geiselnahme in der Schule von Beslan 2004 verantwortlich war. Wegen der steigenden Terrorgefahr war Medwedew Anfang Juni nach Dagestan gefahren und hatte verstärkte Sicherheitsmaßnahmen angekündigt.

Kadyrow soll hinter Auftragsmorden stehen

Laut Pawel Bajew, dem Kaukasusexperten des International Peace Research Institute, sind dem Kreml im Kampf gegen die Rebellen die Antworten ausgegangen. Bisher habe der Kreml versucht, die verschiedenen Familienclans mit Geld zu kaufen. "Dieses Modell funktioniert nicht mehr, weil in der Krise das Budget schrumpft. Die einzige Lösung, die man derzeit sieht, ist die Installierung eines Kadyrow-ähnlichen Regimes in Inguschetien", sagte Bajew. Er rechnet mit einer Zunahme der Gewalt. Kadyrow wird von Menschenrechtsorganisationen scharf kritisiert, weil er mutmaßliche Rebellen entführen und foltern, sowie die Häuser von deren Familien in Brand stecken soll. Der 32-Jährige, der 2004 seinen Vater bei einem Anschlag verlor, soll auch hinter einer Reihe von Auftragsmorden in Russland und im Ausland stehen.

In russischen Medien wird bereits darüber spekuliert, dass Kadyrow die Situation ausnützen könnte, um die Kontrolle über Inguschetien an sich zu reißen. Der tschetschenische Präsident dementierte diese Gerüchte und wies darauf hin, dass er von Medwedew den Auftrag erhalten habe, in Inguschetien aufzuräumen. „Wir werden das auch gemäß unseren Bergtraditionen untersuchen und die Rache für Jewkurow wird grausam sein", sagte Kadyrow der russischen Nachrichtenagentur „Interfax" zufolge. Die inguschetische Opposition traut dem Tschetschenen jedoch nicht über den Weg und fordert gegen den Willen der Moskauer Regierung, dass Ruslan Auschew, der von 1993 bis 2001 das Präsidentenamt bekleidete, interemistisch die Führung in Inguschetien übernimmt. Auschew war wegen seiner Kritik an der russischen Tschetschenienpolitik vom damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin abgesetzt worden. (Verena Diethelm aus Moska/derStandard.at, 30.6.2009)

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    Ermittler am Tatort: bei dem Selbstmordanschlag wurde der inguschetische Präsident Junus-Bek Jewkurow schwer verletzt.

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    Präsident Medwedew kündigte bei seinem Dagestan-Besuch verstärkte Sicherheitsmaßnahmen an.

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