"Wir beantworten Fragen, die sie gar nicht stellen"

30. Juni 2009, 10:33
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Schuldirektor Ernst Smole will Innovation in die Musikausbildung bringen. Warum Lehrer mehr von ihren Schülern lernen können als umgekehrt, verriet er im Gespräch mit Bath-Sahaw Baranow.

SchülerStandard: An der Johannes-Brahms-Musikschule Mürzzuschlag (JBMS) sollen die Schüler im Mittelpunkt stehen. Was ist Ihr größter Kritikpunkt an den österreichischen Musikschulen?

Smole: Der Kritikpunkt ist einer, den man Bildung insgesamt unterstellen muss; Kinder und Jugendliche werden als Partner nicht ernst genommen. Mein Leitmotiv ist ein altes jüdisches Sprichwort: "Ich habe von meinen Lehrern viel gelernt, aber am meisten habe ich von meinen Schülern gelernt." Der Fehler, den wir im Bildungsbereich begehen, ist, dass wir den Schülern ständig Fragen beantworten, die sie gar nicht stellen und sie überhaupt nicht interessieren. Die JBMS ist eine Spezialschule, die völlig anders gestaltet ist als üblich. Auch durch die Integration von Experten, die vom Konservatorium oder der Musikuniversität Wien kommen. Statt Leistungsprüfungen gibt es sechs öffentliche Auftritte im Jahr.

SchülerStandard: Wie wird Ihr Prinzip im Instrumentalunterricht angewandt?

Smole: Wenn Sie eine Schülergruppe aus fünf, sechs Kindern haben, die Sie unterrichten, und da passt irgendwas nicht, finden Sie unter diesen Kindern in jeder Situation zumindest zwei, die genau das richtig erkannt und gehört haben. Warum es ihnen sagen, wenn es für Kinder ein Motivationseffekt ist, wenn sie es selber sagen dürfen? Die Kinder sind da, weil sie sich interessieren, und sie sind um nichts blöder als ich.

SchülerStandard: Oft sind Jugendliche in einem frontalen Bildungssystem verwurzelt, in der JBMS erfolgt der Systemwechsel abrupt.

Smole: Es gibt etwas, das in der Startphase problematisch war. In Musikschulen ist das öffentliche Auftreten in der Regel ein Privileg, für die besten und fleißigsten Kinder. So nach dem Motto: Wenn ich mich für dich nicht mehr schämen muss, dann darfst du einmal spielen. Bei uns hat jedes Kind das Recht, sechsmal im Jahr öffentlich solistisch aufzutreten. Bei den kleinen Kindern, zwischen sechs und zehn Jahren, war das problemlos. Aber mit den Größeren war es schwierig, weil die sich anfangs nicht getraut haben.

SchülerStandard: Glauben Sie, dass die neue Unterrichtsmethode Anklang findet?

Smole: In einer Evaluierung haben wir alles hinterfragt. Wir haben Zustimmungsraten um die 95 Prozent bekommen, von den Kindern und den Eltern. Beim Rest ist gestanden, "wir wollen noch mehr Unterricht, noch mehr, noch mehr" .

SchülerStandard: Gibt es bei Ihnen spezielle Förderprogramme für besonders begabte Schüler?

Smole: Der Kanton Zürich schreibt alle zwei Jahre einen Musikpreis aus, der mit 20.000 Euro für besondere Leistungen in der Musik dotiert ist. Diesen Preis habe im letzten Jahr ich bekommen. Das Preisgeld widme ich der Förderung besonders begabter Kinder mit Migrationshintergrund. Auch fassen wir Kinder, die von vornherein sagen, dass sie keine Musiker werden wollen, in Gruppen zusammen. Die Stunden, die wir da gewinnen, bekommen Hochbegabte. (Bath-Sahaw Baranow/DER SCHÜLERSTANDARD, 30. Juni 2009)

Zur Person:

Ernst Smole (geb. 1952) ist Direktor der Johannes-Brahms-Musikschule Mürzzuschlag. Für 2010 plant er die Gründung einer ähnlichen Schule in Wien, der Anton-Webern-Musikschule für innovative Musikerziehung.

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