Wettkampf ohne feurige Seelen

26. Juni 2009, 17:29
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Bisher mangelt es an existenzieller Wucht

Klagenfurt - "Literatur als Therapie?" fragte Adolf Muschg, der in Klagenfurt auch schon Juror war, in seiner Frankfurter Poetikvorlesung mit dem Untertitel "ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare" . Dass Literatur immer auch mit Wut, Schmerz und Verzweiflung zu tun hat, davon redete Josef Winkler in seiner Klagenfurter Rede zur Literatur, die den Bewerb, der nun, nachdem sieben Autoren ihre Texte lasen, in seiner Mitte steht, mit einem Paukenschlag eröffnete.

Der Applaus des Publikums war nicht enden wollend, die Freude der anwesenden Politiker schon. Winkler tat nichts weniger, als auf ein politisches System "der Mächtigen, die keine Scham haben" hinzuweisen, das es - unter anderen politischen Vorzeichen - anderswo im Land auch geben mag. Die politische Detonation verdeckte vielleicht zu sehr, wie fein Winklers Rede literarisch gearbeitet ist. Winklers Text legte die Latte für den Bewerb hoch, vielleicht zu hoch.

Der junge Schweizer Lorenz Langenegger las einen ruhigen Text, eine Etude, wie der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen meinte, in dem ein randständiger Sonderling auf einer Parkbank einen verunsicherten Erfolgsmenschen trifft, der ihn eiskalt abserviert. Der mit Spannung erwartete Wiener Autor Philipp Weiss (Jg. 1982) fiel mit seiner Geschichte über einen Liebes- und Schreibprozess, in der sich ein Schriftsteller den endlich fertigen Text im wahrsten Sinne des Wortes einverleibt und im Spital landet, bei der Jury mehrheitlich durch. Dass Weiß dann auch ein Blatt des gerade gelesenen Textes verspeiste, war mäßig originell.

Kontroverser wurden von den sieben Juroren dann die Texte der deutschen Autoren Karsten Krampitz (um einen vermeintlichen Spitzel und einen Pfarrer in der DDR), Bruno Preisendörfer (ein 50jähriger Therapeut in Existenzkrise) und Christiane Neudecker (ein Mann wird zu seinem Schatten) diskutiert. Um eine Extremsituation, nämlich Menschenhandel, ging es im Text der Österreicherin Linda Stift. Ihr mutiger, an seinen hohen Vorgaben literarisch aber scheiternder Text wurde von der Jury abgelehnt.

Veränderte Jury

Auch der aus der Perspektive eines Photons erzählte Text des Physikers Ralf Bönt über die Wissenschaftler Heinrich Hertz und Michael Faraday stieß bei der mit vier neuen Mitgliedern erheblich umgebauten Jury, die langsam in die Gänge kommt, auf wenig Gegenliebe.

Literatur sei die Vereinigung von Genauigkeit und Seele, zitierte Juror Spinnen Robert Musil. An Seele hat es bisher gefehlt, und auch ein wenig mehr existenzielle Wucht hätte man sich gewünscht. "Warum brennt ihr so wenig, warum seid ihr so kalt?" , fragte Karsten Krampitz nach seiner Lesung. Er hat recht, eher kühl ist es in Klagenfurt bisher gewesen und das Wetter mäßig. Den Siegertext hat man vermutlich noch nicht gehört. Die Preisverleihung findet morgen, Sonntag, statt. (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 27./28.06.2009)

 

Alle gelesenen Texte unter http://bachmannpreis.eu/texte. Samstags zwischen 15 und 20 Uhr kann man online den Publikumspreis mitwählen: http://bachmannpreis.eu/ de/bachmannpreis/868

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