König der Hunde

25. Juni 2009, 17:04
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Iggy Pop will es mit seinem Album "Préliminaires" noch einmal wissen - und zwar als böser alter Balladensänger

Zum zeitlosen Thema würdeloses Altern im Rock 'n' Roll hat dieser Mann einiges zu sagen. Iggy Pop, der abgenagte alte Knochenmann. Erfinder des Punkrock, Ex-Junkie. Ehemaliger König der Ausschweifung. Mit 62 Erdenjahren auf dem Buckel immer noch dazu bereit, während Konzerten die Hosen runterzulassen, sorgte der US-Amerikaner bis vor wenigen Jahren zwar mit immer gleich ambitionslos klingenden Alben für jenen Geist in der Musikszene, der stets verneint und nicht und nicht vernünftig werden will. Für immer nie gescheit. Sensationell! Die renitente Haltung, übergangslos vom jugendlichen Nihilismus in Alterssturheit überspringend, beeindruckte aber durch ihre Konsequenz. So nahm er nach umjubelten Reunionkonzerten mit seinen 30 Jahre lang stillgelegten Stooges vor zwei Jahren mit dem Album The Weirdness unter der Regie von Steve Albini eine mitunter beängstigend im Stillstand und der Unbelehrbarkeit verharrende Studie dumpfer Neandertaler-Rockmusik auf. Die fuhr neben rüstigem Midtempo und einer mit der Spaltaxt ausgeführten Ziselierkunst mehrheitlich mit lyrischen Perlen wie "My dick is growing like a tree" auf. Milde Begeisterung.

Nach dem Tod des Stooges-Gitarristen Ron Asheton im Jänner dieses Jahres dräute das erneute Abgleiten Iggy Pops in etwas hektisch und planlos um zeitgenössische Relevanz bemühte Dringlichkeit, wie er sie 2003 auf Skull ring verbreitete. Kollaborationen mit Punkbubis wie Green Day, Sum 41 oder der Electro-Clash-Königin Peaches mochten Iggy Pops Marktwert als gern gebuchte Größe bei Sommerfestivals unterfüttern. Hören wollte dies das breite Publikum allerdings nicht. Nachdem man im Alter ja gern liest, weil das Lumpen und exzessive Ausschweifen bei langsamer werdendem Stoffwechsel eine willkommene Ergänzung etwaiger Katerzustände darstellt, hat Iggy Pop nun also den bürgerlichen James Osterberg in sich entdeckt. Ausgehend von der Lektüre des kontroversiellen Klonromans Die Möglichkeit einer Insel von Michel Houellebecq entdeckte unser Held gewisse Parallelen zwischen sich und dem französischen Autor. Beide sind sie auf ihre Art nicht mehr ganz junge Punkrocker. Beide neigen zu einer ästhetisierten Form von negativer Weltsicht.

Für das nun auf der Romanvorlage sehr lose basierende Album Préliminaires (zu Deutsch: Vorspiel) wagte Iggy Pop das erste Mal seit Zombie Birdhouse von 1982 einen musikalischen Befreiungsschlag. Neben seiner Interpretation des französischen Chansonklassikers Les Filles Mortes von Jacques Prévert im schlurfigen Barjazz-Modus grundelt Iggy Pop über elektronischen Flokatiteppichen oder zu Klavierpathos mit abgrundtiefer Altmännerstimme in I Want To Go To The Beach böse Selbsterkenntnisse: "You can convince the world that you're some kind of superstar / When an asshole is what you are / but that's allright." Oder er wirft sich mit vollem Herzen als Tom Waits dem New-Orleans-Jazz eines Louis Armstrong im sensationellen Song King Of The Dogs an den Hals. In Stücken wie Nice To Be Dead mögen zwar die gute alte Drecksgitarre und der wuchtige Schlagzeugrhythmus der klassischen Punkzeit regieren. Es regiert hier allerdings grundsätzlich auch eine Neuorientierung und Experimentierlust, die man dem Alten nicht mehr zugetraut hätte. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.6.2009)

 

Iggy Pop - Préliminaires (Virgin/EMI)

  • Nach langer künstlerischer Durststrecke entdeckt Iggy Pop die Experimentierlust wieder. Bedeckter Oberkörper und Schuhe inklusive.
    foto: emi

    Nach langer künstlerischer Durststrecke entdeckt Iggy Pop die Experimentierlust wieder. Bedeckter Oberkörper und Schuhe inklusive.

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