Arabische "Faszination, Konfusion und Sorge"

24. Juni 2009, 17:53
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Die arabischen Regierungen mögen Ahmadi-Nejad nicht – aber auch keine Aufstände

Wien - Erst langsam kommen die Reaktionen in der arabischen Welt auf die Ereignisse im Iran in Schwung. Die Meinungen könnten zwiespältiger nicht sein, eine große Unsicherheit darüber, wie die Entwicklung zu lesen sei und was sie für Auswirkungen auf die Region haben könne, ist zu spüren. Von einer Mischung aus "Faszination, Konfusion und Sorge" , die "selbstverschuldete politische Inkohärenz und Mittelmäßigkeit" reflektieren, spricht Rami Khouri vom libanesischen Daily Star.

Ganz nahe daran ist natürlich der Irak mit seiner schiitischen Bevölkerungsmehrheit. Der kurdisch-irakische Präsident Jalal Talabani - der viele seiner Exiljahre im Iran verbracht hat - war einer der ersten, die dem wiedergewählten Mahmud Ahmadi-Nejad gratulierten. Zu viel sollte man daraus jedoch nicht ablesen: Der irakische politische Mainstream, auch der schiitische, hoffte darauf, dass eine - unter Mir-Hossein Mussavi eher zu erwartende - Verbesserung der iranisch-amerikanischen Beziehungen den Stellvertreterkonflikt auf irakischem Territorium lindern würde. Mit substanziellen Änderungen der iranischen Politik dem Irak gegenüber hatte man ohnehin nicht gerechnet. Teheran würde seinen Einfluss im Irak nie freiwillig aufgeben.

Ahmadi-Nejad hat aber durchaus auch Anhänger im Irak, so wie in der ganzen arabischen Welt: Er ist derjenige, der den USA und Israel unerschrocken die Stirn bietet, das Symbol für den Widerstand, der einzige, der auch Mut hat, offen als Protektor von Hisbollah und Hamas aufzutreten.

Unter Hisbollah-Anhängern im Libanon klingt durch, dass sie die von Mussavi geführte Opposition im Iran ebenso für westlich gesteuert halten wie das libanesische "prowestliche" Lager. Aus letzterem kommen hingegen hoffnungsvolle Töne, dass der Iran in Zukunft so mit sich selbst beschäftigt sein könnte, dass der Link zur Hisbollah schwächer wird. Es sollte für die Iraner "zuerst der Iran" gelten, wie für die Libanesen "zuerst der Libanon" , schreibt der Kommentator der liberalen libanesischen Zeitung An-Nahar.

Nicht unterschätzen sollte man die geheime arabische Bewunderung für den iranischen Mut zur Rebellion: Zum zweiten Mal in der jüngeren Geschichte lehnen sich die Iraner gegen ein Regime auf und versuchen, sich selbst zu befreien. Bei den Intifada-gewöhnten Palästinensern genießt das besondere Sympathie - einige Hamas-Anhänger könnte es in Verwirrung stürzen.

Der demonstrierte Freiheitsdrang wiederum bereitet den arabischen Regimen Unbehagen: Nach 1979 fürchteten sie den Export der islamischen Revolution und deren Einfluss auf die eigenen islamistischen Bewegungen. Heute hassen und fürchten sie die iranischen Hegemoniebestrebungen in der Region - aber dass das eigene Volk gegen ein Regime vorgeht, ist ihnen zutiefst unsympathisch. Die arabischen Systeme sind ja in der Mehrzahl keineswegs demokratischer als das iranische, wenn auch (bis auf Saudi-Arabien) weniger "islamisch". (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2009)

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