Alltag der Muezzins und andere Lebensroutinen

24. Juni 2009, 17:59
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Mit "All the Same" spannt der Steirische Herbst heuer einen Bogen zwischen Gleichmacherei, unerreichter Gleichberechtigung und Gleichgültigkeiten in unserer Gesellschaft

Mit viel Theater, Musik und Performance.


Graz - Schlagwörter wie Gleichberechtigung und Chancengleichheit stehen der Realität großer Ungleichheiten gegenüber. Da ruft das Avantgardekunstfestival Steirischer Herbst, das heuer von 24. September bis 18. Oktober Graz bespielt, das Generalthema "All the Same" aus. "Was gilt, wenn alles gleich und gültig ist?" , fragt Intendantin Veronica Kaup-Hasler am Mittwoch bei der Programmpräsentation.

Für den nächsten "Herbst" gilt jedenfalls, dass man Produktionen erwarten darf, von denen einige gleich neugierig machen. So etwa im Theater- und Performancebereich: Stefan Kaegi wird mit dem für dokumentarisches Theater bekannten Rimini Protokoll aus der Schweiz in Radio Muezzin einen bemerkenswerten Blick auf das Leben von vier Muezzins aus Kairo werfen. Ihr Alltag konnte als jener eines Moscheehausmeisters beschrieben werden. Konnte, denn nachdem rund 30.000 in Kairo rufende Kollegen nun durch nur 30 via Radio übertragene ersetzt werden, gibt es ein Heer arbeitsloser Gebetsrufer. Die vier Eingeladenen werden ihr Leben "nachspielen" .

Mit einem "krisengeschüttelten Gesamtkunstwerk" , das Lebensroutinen befragt, wird auch eröffnet. Das Grazer Theater im Bahnhof und das deutsche raumlaborberlin bauen einen Tempel der Vernunft in die Helmut-List-Halle, in dem sich das honorige Publikum zwischen persönlichen Gesprächen, "Instantvorträgen" , Demos und bedrohlich klingenden Marathonkonversationen selbst suchen kann.

Die Gültigkeit von Privatisierung und Öffentlichkeit ist nicht nur wirtschaftlich eine aktuelle Frage: Die große "Herbst" -Ausstellung begibt sich dieses Jahr in den Öffentlichen Raum. In Utopie und Monument versuchen Künstler wie etwa Heather und Ivan Morison, Lara Almarcegui oder Michael Zinganel Gegensätze zwischen Kunst und Öffentlichkeit gänzlich aufzuheben. Das Projekt ist dem vor wenigen Wochen verstorbenen Künstler Hartmut Skerbish gewidmet.

Der Kunstverein rotor will mit Annenviertel die Rolle der Kunst beim Schärfen des Bewusstseins der Bewohner eines Stadtteils thematisieren. Im Forum Stadtpark stellt man derweil Pressefotos aus dem Nigerdelta Bildern von Fotografen, die dort leben, gegenüber.

Werke von Olga Neuwirth, Bernhard Gander, Rebecca Saunders und Johannes Maria Staud werden im musikprotokoll uraufgeführt.

Geografischer Brennpunkt wird vier Wochen lang das von Michael Rieper und Siegfried Frank zum Festivalcenter und "Schauhaus" umgebaute Orpheum sein. (Colette M. Schmidt / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.6.2009)

 

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