"Strukturen vernetzen und kooperieren"

21. Juni 2009, 20:09
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Guido Adler, Internist aus Ulm und Koordinator des Gutachterteams, versteht die Wiener Aufregung nicht. Verbesserungsvorschläge seien doch keine Beleidigung

Standard: In Wien reagiert man verschnupft auf Ihren Evaluierungsbericht. Das haben Sie erwartet, oder?

Adler: Es ist eine neue Form der Auseinandersetzung in der wissenschaftlichen Begutachtung, aber jeder darf mit so einem Gutachten umgehen, wie er es für richtig hält. Ich nehme die Stellungnahme nicht persönlich, weise aber die Anschuldigungen gegen die Mitglieder der Gutachtergruppe, es fehle ihnen an Wissen und Wissenschaftlichkeit in der Onkologie, zurück. Bewusst wurden Persönlichkeiten ausgesucht, die international hoch angesehen und am Aufbau von Nationalen Krebsregistern und Tumorzentren maßgeblich beteiligt sind. Zwei Gutachter sind Österreicher, die jetzt in Deutschland tätig sind und das österreichische Wissenschaftssystem gut kennen.

Standard: Ihr Bericht sei fehlerhaft, kritisieren die Begutachteten.

Adler: Wenn sie mir einen Fehler unterstellen dürfen, dann den, dass ich zugesagt habe, das in drei Monaten zu machen. Ich hätte sagen müssen: "Wissenschaftsrat, Ministerium, da müsst ihr euch jemand anderen suchen, der in dieser Zeit diese Arbeit macht." Ich bin den Gutachtern dankbar, dass sie sich haben überreden lassen mitzumachen. Zwei der drei Unis sind ja offensichtlich mit unserer Arbeit zufrieden.Verständlicherweise hätten die Med-Unis gerne die Möglichkeit gehabt, den Bericht erst zu lesen und zu kommentieren. In die jetzt erschienene Endversion wurden die Stellungnahmen aber eingebaut.

Standard: Welche Verbesserungsvorschläge haben Sie für Wien?

Adler: Wir haben uns zum Beispiel getraut, das Institut für Krebsforschung nicht so zu loben, wie man es gerne hätte. Da geht es um die Grundlagenforschung. Was die klinische Forschung angeht, sind die Wiener ja bei der Weltspitze, da haben wir ein extrem positives Urteil ausgesprochen. Beim Institut für Krebsforschung stellten wir fest, dass es zu isoliert arbeitet. Man könnte in Wien noch viel mehr erreichen, wenn man innerhalb der Wiener Strukturen vernetzen und kooperieren würde, aber auch mit den beiden anderen medizinischen Universitäten mehr zusammenarbeitet.

Standard: Sie kritisieren Parallelstrukturen, was soll sich ändern?

Adler: Wir haben empfohlen, dass man unbedingt sicherstellt, dass jeder Patient, der mit einer Tumorerkrankung in die Klinik kommt, nach denselben Standards behandelt wird, egal, in welche Abteilung der Klinik er kommt. Wir empfehlen auch ein MUW-weites Koordinationszentrum für Klinische Studien mit der entsprechenden Ausstattung, mit Vollmachten und Ressourcen. Solche Strukturen sind teilweise an der MUW vorhanden, es muss aber das Bestreben sein, diese optimal zu gestalten und ständig zu verbessern.

Standard: Warum empfehlen Sie einen Sonderforschungsbereich?

Adler: Das macht Sinn, weil schon die Vorbereitung eines solchen Antrags Konsens unter den Onkologen über ein zehnjähriges Großvorhaben erfordert. Natürlich muss dann auch der FWF vom Bund mit genügend Mitteln ausgestattet sein.

Standard: Wie sollen sich die drei Universitäten abstimmen?

Adler: Etwa beim Aufbau eines zentralen, abteilungsübergreifenden Biobankkonzepts.

Standard: In Wien fehlt Personal.

Adler: Wir haben weitere Maßnahmen zur Heran- und Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses vorgeschlagen. Wichtig sind Freiräume für wissenschaftliche Forschung.

Standard: Was soll nun aus den Empfehlungen werden?

Adler: Der Bericht schließt mit klaren Empfehlungen an das Ministerium und die drei Med-Unis. Mit der Umsetzung dieser Empfehlungen wird es gelingen, die Krebsforschung in Österreich international noch sichtbarer zu machen und den Tumorpatienten eine Versorgung auf höchstem Niveau dauerhaft anzubieten. Ich wünsche der Onkologie in Österreich, dass der Minister genau diese Empfehlungen aufnimmt und sie unterstützt. (Jutta Berger, DER STANDARD, Printausgabe, 22.06.09)

  • Guido Adler (62), Internist und Gastroenterologe, ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm und Sprecher eines Sonderforschungsbereichs für Tumorerkrankungen der Bauchspeicheldrüse
    foto: standard

    Guido Adler (62), Internist und Gastroenterologe, ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin I am Universitätsklinikum Ulm und Sprecher eines Sonderforschungsbereichs für Tumorerkrankungen der Bauchspeicheldrüse

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