Sommernachtshalbschlaf statt Inspiration

21. Juni 2009, 18:04
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Die Philharmoniker mit Daniel Harding

Wien - "Allegro con spirito" steht über dem Finale von Johannes Brahms' Zweiter Symphonie. Zwar sind sich schon Musiker nicht immer einig, ob dies heiter oder schnell, mit Seele, Geist, Witz oder Sinn zu bedeuten hat. Ein wenig mehr aus diesem Bedeutungsspektrum dürfte allerdings schon erwartet werden, als am Freitag im Wiener Musikverein zu hören war.

Nun gilt Daniel Harding als ein mit einiger Inspiration gesegneter Dirigent, und er weiß diesen Nimbus durchaus geschickt zu pflegen. In seinen besten Momenten wird das auch akustisch unmittelbar schlagend, doch diesmal waren solche glitzernden Augenblicke schmerzlich rar - auch wenn der Brite sie mitunter heftig rudernd zu suggerieren versuchte, blieb es zumeist doch nur beim Wollen.

Mag sein, dass der Einspringer (für den erkrankten Seiji Ozawa) mental noch nicht ganz in Wien gelandet war. Mag auch sein, dass die ansonsten traumwandlerisch sicheren Wiener Philharmoniker seine teils rätselhafte, teils schlicht wenig genaue Zeichengebung nicht immer zu deuten wussten. Etliche klappernde Einsätze und abenteuerliche Übergänge sprachen jedenfalls für beides.

Applausfreudiges Publikum

So wurden sowohl Carl Maria von Webers Freischütz-Ouvertüre als auch ein lamentiöses Filmmusikfragment von Toru Takemitsu aus dem Hiroshima-Film Black Rain träge und weitgehend ohne interpretatorisches Profil abgespult, auch wenn sie freilich, ebenso wie Auszüge aus Felix Mendelssohns Musik zum Sommernachtstraum, ein fast etwas zu dankbares, nach jedem Satz applaudierendes Publikum fanden.

Was hier einmal überzeugend glückte - das ausgewogene Freilegen von Details wie mit dem Sezierstift im Notturno - blieb Johannes Brahms' Zweiter Symphonie dann praktisch vollkommen versagt. Kaum fand man auch hier - trotz fulminanter Einzelaktionen insbesondere bei den philharmonischen Bläsern - jemals zu einem Musizieren eines Atems und schon gar eines Sinns.

Stattdessen herrschte undifferenziertes, üppiges und schwerfälliges Schwelgen, von dem kaum mehr übrigblieb als der Beigeschmack eines glatt aufgesetzten und deshalb schalen Pathos. Und die Frage, ob der 33-jährige einstige Wunderknabe und Schützling von Dirigent Sir Simon Rattle nicht doch ein wenig schnell Karriere gemacht hat.

Daniel Harding wäre es fraglos von Herzen zu wünschen, dass er künftig seine unverkennbare Kreativität handwerklich präzisiert und im entscheidenden Moment dann auch zuverlässiger umsetzt. (Daniel Ender/DER STANDARD, Printausgabe, 22. 6. 2009)

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