"Ich will zur Debatte im Iran beitragen"

20. Juni 2009, 08:33
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Der Astrophysiker Boudewijn F. Roukema will statistisch nachgewiesen haben, dass die Wahl im Iran gefälscht war - Im derStandard.at-Interview erklärt er wieso

Der französische Astrophysiker Boudewijn F. Roukema will nachgewiesen haben, dass es bei der Präsidentschaftswahl im Iran zu Fälschungen gekommen ist. Dazu hat er die Zahl der abgegebenen Stimmen in allen 366 iranischen Wahlbezirken analysiert, allesamt zwischen 10.000 und 100.000. Laut dem Gesetz von Benford müssen 30 Prozent einer solchen Zahlensammlung mit der Ziffer 1 beginnen. Roukema fand heraus, dass überraschend viele Stimmzahlen für Präsident Mahmoud Ahmadi-Nejad nicht mit 1, sondern mit 2 beginnen. Der Forscher verwendete die Programme Gnumeric und Octave.

Was ihn zusätzlich stutzig machte, sind die Stimmzahlen für den 2005 noch wesentlich häufiger gewählten Gegenkandidaten Mahdi Karroubi. Sie beginnen laut Statistik überproportinal häufig mit der Ziffer 7. Für Roukema ein weiterer Grund, die Wahl einer genaueren Überprüfung zu unterziehen. Der Wissenschafter, der nach Aufenthalten in Indien und Australien heute am Kopernikus-Institut im polnischen Torun forscht, erklärt im Interview mit derStandard.at, was er sich von seiner Analyse erhofft.

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derStandard.at: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Wahl im Iran statistisch aufzubereiten?

Boudewijn F. Roukema: Eigentlich deshalb, weil ich es als meine Aufgabe als Bürger betrachte, öffentlich einsehbare Daten zu analysieren. Im Iran gibt es eine Diskussion, ob die Wahl fair abgelaufen ist oder nicht. Ich finde es wichtig, dass die Iraner in meiner Arbeit eine Statistik haben, die zur Debatte beitragen kann und die manche Menschen zum Nachdenken bringt. Der Iran verfügt über eine reiche Tradition der Mathematik, das Wort Algorithmus etwa kommt von dem persischen Mathematiker Al-Chwarizmi.

derStandard.at: Seit der Wahl im Iran ist erst eine knappe Woche vergangen, haben Sie für die Fertigstellung Ihrer Arbeit auf Schlaf verzichten müssen?

Boudewijn F. Roukema: Mir sind die Rechnungen nicht besonders schwer gefallen, es handelt sich ja hauptsächlich um eher elementare Operationen. Aber klar, ich habe schon viel darüber nachgedacht.

derStandard.at:  Was hat Astrophysik mit einer Wahl im Iran zu tun?

Boudewijn F. Roukema: Der Titel meiner Arbeit sagt ja aus, dass sie anhand des Benfordschen Gesetzes vorgeht. Frank Benford war ein Astrophysiker. Und grundsätzlich könnte man sagen, dass man Astronomie in allen Fragen des Lebens findet und dass sich Astrophysiker für alles interessieren können. Wenn wir glauben, wir könnten etwas analysieren, dann machen wir es auch.

derStandard.at:  Kann man Ihre Methode auch für andere umstrittene Wahlen anwenden?

Boudewijn F. Roukema: Wie in der Arbeit angemerkt, habe ich dazu nicht nur die Originalmethode des Benfordschen Gesetzes angewandt, sondern zusätzlich eine empirische Methode verwendet. Generell ist das aber nichts Neues, sondern schon seit über einem Jahrhundert bekannt. Tatsächlich hat Benford die Idee nur wiederentdeckt, was in Zukunft damit angestellt wird, wäre Spekulation. Fest steht aber, dass zum Beispiel manche Steuerbehörden die Methode schon verwenden. Und die, die es nicht tun, sollten es tun.

derStandard.at: Um Steuerschuldner aufzuspüren?

Boudewijn F. Roukema: Ja, wobei die Ergebnisse der angewandten Statistik keine Garantie darstellen, dass jemand die Steuerdaten gefälscht hat. Aber es gibt auf jeden Fall Hinweise, wo man genauer prüfen muss. 

derStandard.at: So wie bei der Wahl im Iran.

Boudewijn F. Roukema: Die Menschen im Iran haben nun die Möglichkeit, meine Zahlen zu interpretieren. Ich hoffe, dass sie das auch tun. (Florian Niederndorfer/ derStandard.at, 19.6.2009)

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