Am Fahrrad durchgemacht

18. Juni 2009, 16:51
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Nach drei Wochen liegt die Küste Kroatiens - und damit unsere erste Teiletappe - über eintausend Kilometer hinter uns. Mit Video

Wir fuhren bei schönstem Sonnenschein, heftigstem Wind und nicht zuletzt: unter dem Vollmond. Die ersten Wochen unserer Reise waren mehr Urlaub als Abenteuer. Das lag weniger am oft gar nicht so urlaubshaften Wetter, als mehr am Umfeld. Tag für Tag das Meer, Scharen von Touristen und Massen von Hotels und Zimmerangeboten - die Zivilisation haben wir noch längst nicht verlassen.

Kraftakt im vierten Gang

Aber auch gar nicht so wenige Radreisende kreuzten unseren Weg. Einer davon - stolze 71 Jahre alt - ist gerade auf dem Weg von München durch die Türkei und den Iran bis irgendwo nach Asien. Eine ähnliche Strecke wie die unsere also, aber ganz allein. Respekt! Alle Radfahrer sprachen uns auf den Sturm vor zwei Wochen an. "Mörderisch!" sagten sie. "Allerdings", war unsere Antwort, denn auch uns hatte er mehrmals fast von der Straße geblasen.

Sich im vierten Gang vorankämpfen, obwohl es leicht bergab geht, war ein durchaus neues Erlebnis für uns. In den Pausen konnte kein Gegenstand von Steinen unbeschwert liegen gelassen werden und sogar uns selbst mussten wir über Nacht mit Steinen beschweren - aus Sicherheitsgründen. Auch Regen und Gewitter gesellten sich in dieser Zeit gern hinzu, um unseren Zelten das Leben noch schwerer zu machen.

Verlorengegangenes festgehalten

Eines Tages jedoch war der Spuk plötzlich vorbei, die Sonne zeigte ihr lang ersehntes Antlitz und blieb uns bis heute treu. Dafür passierte uns gleich das nächste Malheur: Wir verloren uns mitten auf der Strecke. Das Seltsamste: Christian schaffte es sogar, ein Foto von diesem Moment zu machen, bevor er mir erfolglos hinterher schrie (siehe links, das mit dem Verkehrsspiegel). Am Abend fanden wir uns in Dubrovnik wieder. Es war spät und kein Schlafplatz in Sicht - jedenfalls keiner nach unserem Geschmack.

Was sollten wir tun? Aus der Stadt hinausfahren, an der tourismusverseuchten Küste im Dunkeln ein ruhiges Plätzchen am Meer suchen? Mühsam, wenig Erfolg versprechend, hatten wir schon - also keine Option. Fahren wir doch einfach weiter. Wir nehmen uns Zeit, streunen noch eine Runde durch die Altstadt Dubrovniks und brechen um Mitternacht in Richtung Bundesstraße auf.

Irgendwo in 60 Kilometer Entfernung verspricht die Karte einen unberührten Ort. Nur eine kleine Straße führt dorthin, es gibt kein Dorf in der Nähe, lediglich einen Leuchtturm und das Meer. Das sollte doch bis zur Morgendämmerung zu schaffen sein, denken wir uns. Schließlich sind wir jung und strotzen vor Kraft und Übermut. Also los! Man sollte meinen, dass so eine Aktion verdammt anstrengend ist. War sie aber nicht! Radfahren vertreibt Müdigkeit - das gilt auch nach Mitternacht.

Nächtlicher Erkenntnisgewinn

Neben dieser Erkenntnis wurden wir mit Erlebnissen belohnt, die am Tag nicht möglich gewesen wären: das gespenstische Vollmondlicht zum Beispiel, welches Meer und Himmel zu einer nie gesehenen Einheit verschmelzen ließ, oder das frühe Dämmern und der Sonnenaufgang. Wir hatten auch Zeit, eine zweistündige Pause bei einem ebenfalls eher nachtaktiven Volk einzulegen. Bäcker luden uns auf frisch gebackene Käsepita und Kaffee ein. Nebenbei durften wir ihnen bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Neue Rekorde und ein Defizit

Von all diesen Erlebnissen gibt es auch ein Video (Zum Starten des Videos auf das Videosymbol - den Pfeil - klicken). Dazu bescherte uns das Nachtfahren einige neue Rekorde: Über 24 Stunden wach, über neun Stunden am Fahrrad, fast 150 Kilometer Tagesstrecke. Und so früh wie an diesem Tag (nämlich halb sieben am Morgen) hatten wir auch noch nie einen Schlafplatz gefunden. Obwohl sich das Schlafdefizit in den nächsten zwei Tagen dann doch bemerkbar machte, beschlossen wir: Die nächste Vollmondnacht wird wieder durchgemacht! (Uwe Sattelkow)

  • Strahlender Sonnenschein und viel Meer machen aus der Radreise zu Beginn eher einen Urlaub als ein Abenteuer.
    foto: sattelkow

    Strahlender Sonnenschein und viel Meer machen aus der Radreise zu Beginn eher einen Urlaub als ein Abenteuer.

  • Auf der Straße sind noch andere Radfahrer mit nicht minder interessanten Touren unterwegs.
    foto: sattelkow

    Auf der Straße sind noch andere Radfahrer mit nicht minder interessanten Touren unterwegs.

  • Man verliert sich ...
    foto: sattelkow

    Man verliert sich ...

  • ... und findet sich wieder.
    foto: sattelkow

    ... und findet sich wieder.

  • Artikelbild
    foto: sattelkow
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