Roma-Familien in Belfast mit Gewalt vertrieben

17. Juni 2009, 19:50
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105 Menschen mussten in eine Kirche flüchten - Angriffe mit Steinen auf Häuser, Menschen wurden verletzt

Zwanzig Roma-Familien haben am Dienstagabend ihre Häuser in Süd-belfast überstürzt verlassen müssen. 115 Leute, darunter ein fünf Tage altes Mädchen, verbrachten die Nacht in einer Kirche und wurden am Mittwoch vorübergehend in einem Belfaster Freizeitzentrum untergebracht. Die Familien waren seit etwa einer Woche regelmäßigen rassistisch motivierten Attacken ausgesetzt gewesen.

Dabei wurden die Fensterscheiben ihrer Häuser mit Steinen eingeschlagen, was bei den verängstigten Opfern zu Verletzungen führte. Nachbarn der Roma hatten vergeblich eine kleine Bürgerwehr zusammengestellt, um die Häuser zu beschützen. Diese Wächter berichteten anschließend der lokalen Zeitung Belfast Telegraph, die Angreifer hätten sich als Mitglieder der rechtsextremen Gruppierung Combat 18 zu erkennen gegeben. Diese Schlägertruppe entstand einst aus der fremdenfeindlichen British National Party. Sie leitet ihren Namen im Gedenken an Adolf Hitler vom ersten und achten Buchstaben des Alphabets ab: A und H.

Paramilitärischer Verband

Der Schauplatz der Übergriffe, die Universitätsgegend im Südteil von Belfast, ist eigentlich nicht konfessionell homogen, da zahlreiche Studenten dort wohnen. Aber das nahe gelegene Village-Viertel, aus dem im März im Anschluss an ein Fußballspiel zwischen Polen und Nordirland fast 50 Ausländer angegriffen wurden, ist protestantisch. Der paramilitärische Verband Ulster Defence Association (UDA) ist dort stark verwurzelt. Es gibt Überlappungen zwischen der UDA und Combat 18.

Rassistisch motivierte Attacken, die von der Polizei als solche registriert werden, haben sich in den vergangenen sechs Jahren in Nordirland fast vervierfacht. Diese Art von Gewalt ist im Laufe des Friedensprozesses an die Stelle rein konfessionell motivierter Übergriffe getreten.

Der stellvertretende erste Minister Nordirlands, Martin McGuinness von der Sinn-Féin-Partei, nannte die jüngsten Attacken "eine beschämende Episode". Die eben gewählte Bürgermeisterin von Belfast, Naomi Long, verlangte Respekt und Würde für die Roma. Sie wolle nicht zuschauen, wie jemand aus Belfast vertrieben werde.

Der Junior-Minister Jeffrey Donaldson sagte über die vertriebenen Roma: "Alles, was die wollen, ist nach Rumänien zurückzukehren, und das ist eine sehr schlechte Botschaft, die da aus Nordirland gesendet wird."

Man dürfe nicht erlauben, dass Rassismus, wie früher konfessionell begründete Gewalt, die Gesellschaft spalte. (Martin Alioth aus Dublin/DER STANDARD, Printausgabe, 18.6.2009)

 

 

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