"Angsthasen können keine Politik machen"

16. Juni 2009, 18:55
256 Postings

Als Oppositionspolitikerin auf das Bürgermeisteramt zu hoffen, findet Wiens Grünen-Chefin Vassilakou "ein bisschen lächerlich"

STANDARD:Ein Gutteil der österreichischen Bevölkerung wünscht sich laut einer aktuellen Studie einen starken Mann an der Spitze des Staates. Schlechte Zeiten für die Grünen?

Vassilakou:In Zeiten von großer finanzieller und gesellschaftspolitischer Verunsicherung ist es nicht weiter verwunderlich, dass man sich nach starken Figuren sehnt. Ich glaube nur, dass die Auslegung dieser Sehnsucht nicht geschlechtsspezifisch zu verstehen ist. Man sehnt sich nach starken Figuren in der Politik, die sagen, was sie meinen und auch charismatisch sind.

STANDARD: Abgesehen von der Gender-Diskussion, was können die Grünen diesen Menschen anbieten?

Vassilakou:Es gibt aber auch in Österreich und weltweit eine große Gruppe von Menschen, die gegen autoritäres Gehabe ankämpfen. Mit ihnen gemeinsam wollen wir auch gegen diesen neuen Trend, der sehr bedenklich ist, antreten.

STANDARD: Ganz ohne Autorität geht's aber offenbar auch bei den Grünen nicht. Nachdem eine Reihe von Internet-Usern mittels Online-Unterstützungserklärungen bei der Wahl der Wien-Kandidaten mitreden will, haben Sie nun die Notbremse gezogen: Wer mitbestimmen will, muss seine Motivation schriftlich erläutern.

Vassilakou:Ich bin nach wie vor begeistert von der Idee der grünen Vorwahlen. Und ich finde es großartig, wenn hunderte von Menschen sich für die Grünen so sehr interessieren, dass sie auch einsteigen, sich engagieren und mitbestimmen möchten. Ich bin dafür, dass wir möglichst großzügig aufnehmen. Denn wir werden viele tausende sein müssen, wenn wir in dieser Stadt etwas weiterbringen wollen. Und es gibt ja mehrere Formen von Autorität. Gute Autorität entsteht überall dort, wo es dir gelingt, in einem offenen Dialog Menschen von deiner Meinung zu überzeugen.

STANDARD: Sie wollen also sämtliche grüne Vorwahl-Aktivisten mittels "guter Autorität" davon überzeugen, dass Sie die beste grüne Spitzenkandidatin für die Wien-Wahl sind?

Vassilakou: Jeder, der Politik macht, versucht, Menschen von seiner Haltung zu überzeugen. Manchmal gelingt es, manchmal gelingt es weniger gut. In meinem Leben ist es bisher weitestgehend gut gelungen. Angsthasen können keine Politik machen. Dass tausend Menschen bei der Listenerstellung mitreden, kann kein Grund sein dafür, dass einem Gemeinderat schlaflose Nächte drohen. Denn nach der Listenerstellung haben wir erst die schwierigste Prüfung vor uns: 150.000 Menschen davon zu überzeugen, dass wir gemeinsam Wien neu gestalten können.

STANDARD: Das wären 50.000 Stimmen mehr als bei der letzten Wahl. Vom Bürgermeister-Sessel wagen Sie nicht einmal zu träumen?

Vassilakou:Ich finde, man muss da ein bisschen aufpassen. Der Wahlkampf hat ja noch nicht einmal begonnen. Da kann man sich ein bisschen lächerlich machen, wenn man sich wie Häupl, Strache und Hahn jetzt schon zum Bürgermeister erklärt. 150.000 Grünwähler würden bedeuten, dass sich sehr viel weiterbewegt.

STANDARD: Zum Beispiel?

Vassilakou: Wir würden ein echtes ökologisches Konjunkturpaket schnüren. Grün steht außerdem dafür, dass endlich die Grundsicherung kommt. Und für eine Lösung der eskalierenden Konflikte im Gemeindebau, die derzeit tatsächlich eines der gravierendsten Probleme darstellen. Mit den Grünen gibt es außerdem 1000 Polizisten mehr.

STANDARD: Dazu hätten Sie nicht einmal als Wiener Bürgermeisterin genügend Macht - für die Polizei ist die Innenministerin zuständig.

Vassilakou:Ich bin der Meinung, dass, wenn die Grünen gestärkt aus der Wahl herauskommen, das ein Signal ist, das auch in der Bundespolitik wahrgenommen wird. Immer dann, wenn die Grünen gestärkt wurden, wurde das, was wir wollen, auch umgesetzt.

STANDARD: Aus der EU-Wahl gingen die österreichischen Grünen geschwächt hervor - auch in grün-regierten Wiener Bezirken. Was ging da schief?

Vassilakou: Für uns war es diesmal eine sehr sehr schwierige Wahlauseinandersetzung. Zum einen sind wir in einer Phase, in der mehrere Personalwechsel erfolgt sind. Wenn sich sehr bekannte, sehr beliebte Personen zurückziehen, ist es in der Zeit danach - also bis sich die Nachfolge etablieren konnte - immer schwierig. Insgesamt ist diesmal in Österreich ein extremer Enttäuschungsdrive da. Das trifft die Großparteien und bis zu einem gewissen Grad auch uns. EU-Wahlen stehen aber in einem anderen Kontext als die Wien-Wahlen.

STANDARD: Bei der Listenerstellung für die Wien-Wahl könnte allerdings ein ähnliches Problem auftauchen wie bei der EU-Wahl: Bekannte Persönlichkeiten treten ab, die Neuen kennt noch niemand.

Vassilakou: Diese Gefahr sehe ich nicht. Was bei den Wiener Grünen in den letzten Jahren sehr stark öffentlich diskutiert wurde, ist die Frage der Erneuerung. Wir sind jetzt seit über 20 Jahren im Parlament vertreten und inzwischen auch in allen Landtagen. Die erste Generation hat sehr viel geleistet und ist dankenswerterweise nach wie vor aktiv. Es müssen aber immer wieder neue Gesichter an die vorderste Front. Und dort ist es nun mal zu Beginn ein sehr steiniger Weg. Es wird Erneuerung bei den Wiener Grünen geben müssen. Und wenn wir uns davor fürchten, wäre es absurd.

STANDARD: Sie wollen aber weiterhin Spitzenkandidatin für die Wien-Wahl bleiben?

Vassilakou:Ich habe sehr große Lust dazu. Und ich weiß, dass ich die Unterstützung dafür habe.

STANDARD: Apropos Unterstützung: Sie haben bei der EU-Wahl für die griechischen Grünen kandidiert. Wollten Sie zur Abwechslung einmal auf der Seite der Sieger sein?

Vassilakou: Ich wurde von den europäischen Grünen gebeten, die Bemühungen in Griechenland zu unterstützen, das erste grüne Mandat in der Geschichte des Landes zu erringen. Weil ich in Griechenland relativ gute Bekanntheitswerte habe. Ich habe das mit Begeisterung getan. Es gibt auf europäischer Ebene entscheidende Fragen, die auch die Zukunft Wiens beeinflussen werden. Zum Beispiel, ob wir in zehn Jahren immer noch von Atomkraftwerken abhängig sein werden. Oder wir gentechnisch veränderte Lebensmittel im Supermarktregal vorfinden.

STANDARD: Wäre es nicht effizienter gewesen, diese Themen über die österreichischen Grünen zu kommunizieren?

Vassilakou: Den Wahlkampf tragen hauptsächlich die Spitzenkandidaten. Wir hatten in Österreich ein sehr engagiertes Team.

STANDARD: So dass Ihre Unterstützung nicht mehr notwendig war?

Vassilakou: Ich war diesmal als Missionarin unterwegs. Im Ernst: Das Ziel, europaweit 50 Grüne Mandate zu erreichen, verfolgten wir alle gemeinsam. Jeder und jede dort, wo sie gerade am meisten benötigt wurde. (Martina Stemmer/DER STANDARD-Printausgabe, 17. Juni 2009)

Zur Person:

Maria Vassilakou, 1969 in Athen geboren, steht seit 2004 an der Spitze der Wiener Grünen.

  • Maria Vassilakou: "Es wird Erneuerung bei den Wiener Grünen geben müssen".
    foto: andy urban

    Maria Vassilakou: "Es wird Erneuerung bei den Wiener Grünen geben müssen".

Share if you care.