Wie George Clooney auf der Löwingerbühne

15. Juni 2009, 17:04
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Die R1 ist sportlich, sogar supersportlich. Sie ist schnell, klingt gut und schaut edel aus – trotzdem passt sie nicht immer

Ich will niemanden auf die Folter spannen - die Yamaha R1 macht das auch nicht. Sie schaut schon so aus, dass man gleich weiß, was es spielt. Die neue Scheinwerfermaske hat Fans und Feinde: Für die einen schaut die modifizierte Front noch aggressiver aus, als ob das Wort Supersport direkt aus den Scheinwerfern springen möchte. Die anderen schauen, ob die Bremsleitung nicht vielleicht so verlegt ist, dass es der Maske ein bisserl die Gurgel abschnürt und es deswegen der R1 die Augen rausdrückt wie einem Catcher beim total unbekannten Krawattenknotenkneifgriff.

Die Lichteinheit ist besonders kompakt gebaut: Zwischen Fern- und Abblendlicht wird jetzt mit einem Magnetschalter die Blende verändert. Damit wird im Vergleich zum Vorgängermodell auch noch die Straße besser ausgeleuchtet. Genau - die Straße wird besser ausgeleuchtet. Die Straße. Na passen Sie auf.

 

Die Straße ist jenes Asphaltband am Boden, das es unter der R1 mit rund 60 km/h durchreißt, wenn man im ersten Gang nur die Kupplung auslässt. 50 km/h im Ortsgebiet sind wirklich eine Aufgabe - eine 30er-Zone mit Radarbesuch kostet mit der R1 mehr als ein Juwelierbesuch. Und glauben S‘ nicht, dass auf der Autobahn das Paradies ist - die Erste dreht weit in den Kreditkartenbereich, bevor man bei 160 in die Zweite schaltet.

Nein, der erste Gang ist nicht ungewöhnlich weit übersetzt, und die R1 geht zwar voll schnell, beschleunigt aber wie ein Ochsenkarren. Nein. 182 PS liegen bei 12.500 Umdrehungen an und eine Drehmoment von 115 Newtonmetern bei 10.000 Umdrehungen. Bei den Werten braucht man eine gute Beschleunigung, sonst riecht man, was man unabsichtlich beim Losfahren in die Hosen entlassen hat. Ist mir nicht einmal passiert, dass ich voll der Sorge meiner Unterwäsche eingedenk war. Entweder steigt die R1 vorne auf, oder, wenn der Reifen mit dem Untergrund nicht ganz zusammenpasst, reißt es das Hinterradl durch, außer man spielt an Kupplung und Gas Uhrmacher. Koordinierte Bewegungen sind auf der R1 aber gar nicht so einfach zu machen, weil sie Menschen wie mich auf ungefeilte Ur-Instinkte zurückbeamt: Gas, brumm, PS, grunz, Hubzapfen, geifer!

Genau: Die R1 hat jetzt einen Hubzapfenversatz von 90 Grad. Das hat sie sich von der Rossi-M1 abgeschaut. Die Zündfolge: 270° - 180° - 90° - 180°. Wie die M1. Damit schielt Yamaha nicht in Richtung Spitzenleistung, sondern mit der speziellen Kurbelwelle und dem ungleichmäßigen Zündversatz wollen die Japaner die Dosierbarkeit der schier endlosen Leistung aus dem 998 Kubikzentimeter großen Aggregat erhöhen. Aber wie gesagt, am Gashahn muss man extrem vorsichtig agieren - dafür hat die R1 jetzt durch die neue Zündfolge einen neuen Retro-Sound, der Gänsehaut verspricht: die Yamaha R1 klingt ähnlich einer V4-Maschine, wie sie vor Jahren groß in Mode waren - und wie die MotoGP-Maschine heute klingt.

 

Auch dem Rossi unterm Hintern abgepaust hat man die lange Schwinge beim kurzen Radstand. Und erstmals gibt es auf der R1 zwei Zündfolgen zum Auswählen: eine normale und eine runtergestoppelte. Downsizing auf galant. Während bei den Autos Turbomotoren noch mehr Drehmoment und Leistung aus kleinen Hubräumen holen, kappt man bei den großen Supersportlern ein bisserl die Kraft.

Und da sind wir wohl auch schon bei der Conclusio des R1-Straßentests: Sie ist für die öffentliche Straße zu stark, zu fett, zu schade. Das ist, wie ein Flugzeug im Vogelkäfig, ein Formel-1-Wagen in der Tiefgarage, George Clooney auf der Löwingerbühne oder eine Al-Bundy-Kolumne in der Emma. Das passt nicht. Kauf die R1, aber bitte, bitte, bitte fahr sie auf der Rennstrecke. Obwohl man sagen muss, dass sich Yamaha redlich bemüht hat, die R1 auch im Alltag fahrbar zu machen - das für eine Supersportler recht komfortable Fahrwerk zeugt davon -, so gehört die R1 echt nicht an die Leine. Die 16.999 Euro, die für die R1 fällig sind, kann man für den täglichen Straßensport auch anders investieren - vielleicht in eine R6 und einen Roller. Auf der Rennstrecke hat man um das Geld mit der R1 aber für einige Runden ausgesorgt und braucht erst ein Tuning, wenn die meisten Meisterschaftspunkte längst in Form eines Pokals daheim stehen. (Guido Gluschitsch)

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