Taifune können "stille" Erdbeben auslösen

12. Juni 2009, 18:18
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Tiefdruckgebiete über Taiwan verschieben Erdplatten

Taipeh/London - Wenn sich im Untergrund Millionen Tonnen Gestein gegeneinander verschieben, bebt die Erde. Zähe Gesteinswalzen des Erdmantels treiben die Erdplatten gegeneinander. Wird die Spannung zwischen den Blöcken zu groß, bebt es.

Der Auslöser der Beben muss nicht unter der Erde liegen. Auch Wetteränderungen können Erdbeben verursachen, berichten Geoforscher um ChiChing Liu von der Academia Sinica in Taipeh im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 459, S. 833). In Taiwan hätten Tiefdruckgebiete den Boden in Bewegung versetzt.

Während der Taifunsaison zieht eine Schlechtwetterfront nach der anderen über Taiwan. Die Tiefdruckgebiete bringen schwere Stürme und Starkregen. Auch unter der Erde verursachte die Witterung einige Unruhe, berichten ChiChing Liu und Kollegen. Dort setzen sich Erdplatten in Bewegung: Es ereignen sich sogenannte "stille" Erdbeben: Stundenlang ruckeln kilometerdicke Gesteinspakete im Südosten Taiwans übereinander.

Die freigesetzte Energie reicht mitunter theoretisch, um Städte zu zerstören. Doch weil die Platten in Taiwan ihre Spannung nicht auf einmal, sondern über viele Stunden hinweg abbauen, spüren die Bewohner nichts von den Beben.

Mit Spannungssensoren im Unterrund und Wetterdaten sind die Seismologen dem Erdbebenmechanismus auf die Spur gekommen. Die Sensoren, die sie rund 250 Meter tief in Bohrlöchern versenkt hatten, registrierten beim Aufzug der Taifun-Tiefdruckgebiete, dass sich das Gestein verschob. Außerhalb der Taifunsai- son blieb der Boden hingegen ruhig.

Der niedrige Luftdruck löse die Stillen Erdbeben aus, folgern ChiChing Liu und Kollegen. Während der Tiefdruckphasen laste weniger Luftmasse auf dem Erdboden, das Gestein würde entlastet. Wie von einer Schraubzwinge befreit, ruckeln die Gesteinsplatten voran.

Vermutlich bewahre der Mechanismus die Region vor großen Erdbebenkatastrophen, meinen die Geoforscher. Die Stillen Erdbeben dienten quasi als Ventil für die Spannung, die sich kontinuierlich zwischen den Gesteinsblöcken aufbaue. Würden nicht regelmäßig Tiefdruckgebiete das "Erdbebenventil" öffnen, staute sich der Druck im Gestein über Jahrzehnte unentwegt an. Schließlich würde sich die Spannung bei einem Starkbeben entladen. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 13./14 6. 2009)

 

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