Rundschau: Shakespeare auf Abwegen

    20. Juni 2009, 13:10
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    Bücher von Stephen Baxter, Greg Bear, Lynn Flewelling, Arthur C. Clarke, Christopher Moore, William Sanders, Kai Meyer, Cormac McCarthy und Neil Gaiman

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    coverfoto: rororo

    Cormac McCarthy: "Die Straße"

    Broschiert, 252 Seiten, € 9,20, rororo 2008.

    Nachdem es in dieser Rundschau bereits einige Weltuntergangsszenarien gab, sei hier noch einer der diesbezüglich besten Romane der letzten Jahre nachgereicht. Cormac McCarthys Pulitzer-preisgekröntes Werk "The Road" ist dazu angetan die Legionen an postapokalyptischen Romanen bis auf den innersten Kern zu reduzieren - und der ist pure Menschlichkeit. Die eigentliche Handlung ist daher rasch zusammengefasst: Ein Vater und sein Sohn - immer nur der Mann und der Junge genannt, Namen werden wir nie erfahren - schieben einen Einkaufswagen mit ihren wenigen Habseligkeiten eine Straße entlang nach Süden. Das Land, irgendwo im Osten der USA, ist verbrannt, die Sonne hinter einem Schleier verborgen, Schnee und Ascheregen sind seit Jahren ihre einzigen Begleiter. 

    Was genau passiert ist, wird nur angedeutet: Von einer Lichtklinge am Himmel, die die Uhren zum Stehen brachte, ist in einem Erinnerungssplitter kurz die Rede, von Erschütterungen und einem rosigen Schimmer im Fenster - mehr nicht, und es spielt auch keinerlei Rolle. Wichtig ist nur, was übrig geblieben ist - nichts. Nie mehr ist eine lange Zeit. Aber der Junge wusste, was er wusste. Dass nie mehr im Handumdrehen passiert war. So sehr sind die beiden auf das Nichts zurückgeworfen, dass ihnen ein schneefreies Plätzchen unter einer toten Zeder als "kostbar" erscheint - und als sie zwischendurch einen vergrabenen Bunker mit Lebensmitteln und Decken finden, kann der Junge nur ungläubig fragen: "Ist das echt?"

    Der vielfach ausgezeichnete US-Autor Cormac McCarthy überzeugt in "Die Straße" einmal mehr mit detailgenauen Beobachtungen und stimmigen Bildern: Etwa wenn er Vater und Sohn im Regen stehend wie Tiere auf einem Bauernhof beschreibt oder sie in den Städten nur noch mumifizierte Tote mit nackten Füßen finden lässt - deren Schuhe haben in den Jahren nach der Katastrophe längst andere herumirrende Überlebende an sich genommen. In kurzen, fast mantra-artig wirkenden, Frage-Antwort-Dialogen wiederholen die beiden fortwährend die Worte des jeweils anderen, als wollten sie sich damit ihrer Existenz versichern. Besonders bedrückend dabei, dass eine so durch und durch vertraute Situation wie ein Kind, das seinem Vater Fragen stellt, hier die gleiche ist, wie sie Eltern jeden Tag erleben. Nur die Fragen sind andere: "Wir sind die Guten, oder?" "Wir würden nie jemanden essen?" Oder einfach nur: "Werden wir sterben?"

    Was die beiden immer weiter gehen lässt, ist die kleine Hoffnung, dass sie anderswo vielleicht die Chance zu überleben haben - der Leser wird dies kaum noch mit ihnen teilen können: Außer anderen Menschen - die meisten davon zu Kannibalen geworden - finden sie auf ihrem gesamten Weg mit Ausnahme einer Morchel, die sie ausgraben und essen, kein einziges Lebewesen: Alle Pflanzen sind verkohlt, der Strand von Millionen Fischskeletten gesäumt, am Himmel sind keine Vögel zu sehen, die Flüsse sind tot. Einmal spekuliert der Mann vage über "Tiefseekraken", die es noch geben könnte ... es ist einer der wenigen Momente, in denen er über die unmittelbare Situation hinauszudenken wagt. Ein wirkliches Ziel der Reise scheint es angesichts des Todes des gesamten irdischen Bioms nicht zu geben. Erst gegen Ende wird erstmals die Idee ausgesprochen, andere Menschen - Gute -  zu finden. Diese Hoffnung mag nüchtern betrachtet vollkommen sinnlos sein - ist aber zugleich berechtigt und gut, denn außer einander haben die Überlebenden nichts mehr.

    Dieses Buch steht am Ende, weil danach nichts mehr kommen kann - nach einem Monat zum Atemschöpfen wird es dann mit etwas leichterer Kost weitergehen. Unter anderem von Sergej Lukianenko und Neal Asher - und, damit's nicht zu leicht wird, einem Philip K. Dick-Schnäppchen.
    (Josefson)

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