Rundschau: Shakespeare auf Abwegen

    20. Juni 2009, 13:10
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    Bücher von Stephen Baxter, Greg Bear, Lynn Flewelling, Arthur C. Clarke, Christopher Moore, William Sanders, Kai Meyer, Cormac McCarthy und Neil Gaiman

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    Kai Meyer: "Die Sturmkönige", Teil 1 + 2: "Dschinnland" und "Wunschkrieg"

    Gebundene Ausgaben, jeweils 428 Seiten, € 18,50 bzw. 19,50, Lübbe 2008/2009.

    Teil 2 von Kai Meyers "Sturmkönige"-Trilogie, "Wunschkrieg", ist im Frühling erschienen, baut aber so unmittelbar auf Teil 1 ("Dschinnland") auf, dass die Ereignisse für NeueinsteigerInnen besser noch einmal kurz rekapituliert werden: Wir befinden uns in der Zeit des Kalifats von Harun al-Raschid, und seit einem Ausbruch der Wilden Magie vor gut einem halben Jahrhundert ist zwischen Persien und Zentralasien nichts mehr, wie es war. Armeen von Dschinnen (genau denen, die man sich darunter vorstellt, abzüglich der Lampe) haben einen Vernichtungskrieg gegen die Menschheit geführt; Samarkand und Bagdad konnten sich als letzte belagerte Inseln halten, rings um sie ist das Land entvölkert. Aus Samarkand macht sich der ehemalige Schmuggler Tarik al-Jamal mit der schwer durchschaubaren Sabatea nach Bagdad auf. Unterwegs treffen sie auf den Dschinnfürsten Amaryllis, der eine wichtige Rolle in Tariks Vergangenheit spielte, und begegnen erstmals den Sturmkönigen: Menschen, die auf Wirbelstürmen reiten und sich als einzige der Macht der Dschinne entgegenstellen.

    Meyer vermischt Elemente aus "1001 Nacht" und eigene Ideen zu einem in jeder Beziehung bunten Gesamtbild: Im Himmel über Bagdad kreisen Schwärme von fliegenden Teppichen (Tarik seinerseits ist ein begnadeter Teppichreiter und nimmt an illegalen Rennen teil), zwischen den Dächern verstecken sich mechanische Elfenbeinpferde mit Pegasus-Schwingen. Durch die Straßen kriechen Silberschlangen und geben verzweifelten Menschen falschen Rat - und draußen in der Wüste stößt man auf noch viel ungewöhnlichere Wesen ... sogar ein paar letzte Ifrits, die gute, Wunsch-erfüllende Variante der Dschinne. - "Bunt" ist die neue Trilogie des Lübecker Autors aber auch in dem Sinne, dass Farbbeschreibungen eine große Rolle spielen: Die Szenen sind in satte Töne von Ocker, Violett und Blutrot getaucht - ein bisschen wähnt man sich wie in einem Zeichentrickfilm der alten Prä-3-D-Schule, und das ist kein unangenehmes Gefühl. Soziokulturelle Tiefendetails spielen in einem solchen Technicolor-Orient erwartungsgemäß keine Rolle - an Religion beispielsweise zeigen Meyers ProtagonistInnen ebensowenig Interesse wie er selbst; da kann auch schon mal einem Muslim ein "Herrje!" entschlüpfen.

    ... was aber keine Rolle spielt, da das mythische Morgenland der "Sturmkönige" ohnehin nur die exotische Kulisse für die verschlungenen Pfade der Charaktere bildet, die wie oft bei Meyer einen sehr modernen Eindruck machen. Tarik, obwohl der Held der Geschichte, ist aufbrausend und gewaltbereit und kann ausgesprochen rücksichtslos agieren - ebenso wie Sabatea, die zur Durchsetzung ihrer Geheimpläne ihre Mitreisenden gekonnt manipuliert und gegeneinander ausspielt (und nichtsdestotrotz ebenso wie Tarik dabei durchaus sympathisch bleibt). Zwischen Tarik und seinem Bruder Junis hat sich ein komplexes Gebräu aus Schuld, Scham und Rivalität angesammelt - und generell ist das vorherrschende Gefühl zwischen allen Beteiligten Misstrauen. - Spannung beziehen die "Sturmkönige" daher ebensosehr aus der Frage, was die Hauptfiguren antreibt und wie sie sich angesichts der drohenden Gefahren zusammenraufen werden, wie aus der straight erzählten Action, vor allem den atemberaubenden Luftkämpfen, die Dschinne, Sturmkönige und Teppichreiter einander liefern.

    Achtung Spoiler-Grenze - wer Teil 1 noch lesen möchte, sollte an dieser Stelle zum nächsten Bild weiterklicken. Am Ende von Teil 1 haben die Reisegefährten nicht nur Bagdad erreicht, sondern auch einige Überraschungen zu verdauen. Sabatea, die von ihrem machtlüsternen Vater dazu erpresst wird, den Kalifen von Bagdad zu ermorden, trifft auf ein schwermütig gewordenes Opfer, das sich den Tod sogar wünscht. Tarik wurde vom sterbenden Dschinnfürsten ein Stück von dessen Substanz einverpflanzt, mit dem er die Welt so sieht wie Amaryllis: Ohne Dschinne, ohne jegliche Magie. Von Sabatea getrennt, schlägt sich Tarik durch die Unterwelt Bagdads und lernt dabei neue schillernde Figuren wie den kindlichen Koloss Nachtgesicht und dessen kratzbürstige Schwester Ifranji kennen. Außerdem musste Tarik zur Kenntnis nehmen, dass seine einstmals von Amaryllis entführte Geliebte Maryam nicht nur überlebt hat, sondern sogar die Sturmkönige anführt: Die von der holden Angebeteten zur skrupellosen Kämpferin Gewandelte stößt in Teil 2 in den Kreis der Hauptfiguren vor.

    "Wunschkrieg" ist im Vergleich zum linearen Vorgänger etwas statischer ausgefallen - man bewegt sich sowohl geografisch als auch handlungsbezogen eher kreuz und quer als auf einer klar vorgegebenen Linie: im Grunde typisch für den Mittelteil einer Trilogie, bei dem es meistens darum geht, die Ausgangslage für den Abschluss, der alle Handlungsfäden zusammenführt, vorzubereiten. Zum Beispiel durch eine Große Eröffnung - und die erfolgt hier durch den Hofmagier Khalis und hat es für einen Fantasy-Roman wirklich in sich, Hut ab vor dieser Idee (und auch vor den ProtagonistInnen, die die welterschütternde Erkenntnis bemerkenswert cool wegstecken). Und so allmählich, nach neu geschlossenen Bündnissen und überraschenden Todesfällen, wird sich eine spannungsverheißend heterogen zusammengewürfelte Gemeinschaft herauskristallisieren, die sich auf eine alles entscheidende Reise begeben muss. "Glutsand", der abschließende Teil 3, erscheint im September.

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