Rundschau: Shakespeare auf Abwegen

    20. Juni 2009, 13:10
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    Bücher von Stephen Baxter, Greg Bear, Lynn Flewelling, Arthur C. Clarke, Christopher Moore, William Sanders, Kai Meyer, Cormac McCarthy und Neil Gaiman

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    coverfoto: norilana books

    William Sanders: "East of the Sun and West of Fort Smith"

    Broschiert, 588 Seiten, Norilana Books 2008.

    ... der Titel ist gewissermaßen als Lageplan dafür zu verstehen, wo eine echte literarische Schatztruhe vergraben liegt - gut versteckt zumindest für deutschsprachige LeserInnen, da sich bislang kein Verlag darum bemüht hat, den in Oklahoma lebenden Autor zu übersetzen. Und dabei ist "East of the Sun and West of Fort Smith" fast schon ein Nachruf - nicht weil William Sanders gestorben wäre, sondern weil er angekündigt hat, seine immerhin fast zwanzigjährige literarische Tätigkeit im Großen und Ganzen zu beenden. Eine gute Gelegenheit also, nachträglich die besten Werke eines Autors kennenzulernen, der grummelnd zur Kenntnis nehmen musste, dass er in seinem Wikipedia-Eintrag als writer primarily of short fiction dargestellt wird, dies aber mit demselben Sarkasmus hinnimmt, der sich auch durch viele seiner Geschichten zieht. 27 Kurzgeschichten aus den Jahren 1993 bis 2007 sind in dem prächtigen Sammelband vereint - diese reichen von (hauptsächlich) Science Fiction und Alternativwelterzählungen bis zum Magic Realism.

    Einen Sonderposten machen Geschichten aus, in denen Sanders seine Cherokee-Abstammung zum Ausgangspunkt nimmt, um aus der Perspektive von Native Americans (eine Bezeichnung übrigens, über die sich selbige in den Geschichten laufend lustig machen) zu schildern. Diesen Geschichten ist ein vergnügliches Schäuferl Revanchismus nicht abzusprechen - und das Wort yoneg - offenbar die Cherokee-Bezeichnung für "Bleichgesichter" wie uns - lernen wir recht bald kennen. Da engagiert beispielsweise der Rassist Marvin in "The Scuttling" einen indianischen Kammerjäger - ohne zu berücksichtigen, dass der vielleicht ganz andere Vorstellungen davon hat, was so alles bioinvasives Ungeziefer sei. Oder ein Cherokee-Hexer ("Going After Old Man Alabama") reist in der Zeit zurück, um die Landung Kolumbus' zu verhindern - landet aber mangels Geschichtskenntnissen auf dem falschen "Dampfer". In "World on Fire" brandet White Trash auf der Flucht vor den Fluten einer klimagewandelten Welt an die Grenzen eines Reservats - und in "Elvis Bearpaw's Luck" sind die Weißen durch selbstverschuldete biologische Kriege überhaupt ausgestorben - sodass sich die Cherokee und ihre Nachbarn ungestört einem altehrwürdigen indianischen Ritual widmen können: dem Bingo-Spiel. Auch Sanders' berühmteste Kurzgeschichte, das ebenso humorvolle wie sprachlich herausragende "The Undiscovered", hat Cherokee-ProtagonistInnen. Allerdings begegnen sie hier einem William Shakespeare, den es in die Neue Welt verschlagen hat. Und dem fallen im Verlauf der Jahre nicht nur mysteriöserweise die Haare aus (für die Cherokee ein Phänomen!), er will auch etwas den Cherokee gänzlich Unbekanntes machen: ein Stück aufführen. Begeistert wollen alle akta in seinem plei werden - und so landet der bald vor dem Nervenzusammenbruch stehende Spearshaker (die Möglichkeiten, einen Namen pantomimisch darzustellen, sind begrenzt ...) mit seinem "Hamlet" einen Riesenerfolg. Wenn auch nicht unbedingt auf die Art und Weise, wie er sich's vorgestellt hat.

    Alternative Welten und Eingriffe in den Verlauf der Geschichte sind ein weiteres Schwerpunktthema: In "Sitka" kommt es zur unseligen Begegnung von Lenin und Jack London, die einen etwas anderen, aber nicht minder schrecklichen Ersten Weltkrieg auslösen, in "Billy Mitchell's Overt Act" wiederum vereitelt der gleichnamige US-General den Überraschungsangriff auf Pearl Harbour - mit weitreichenden und nicht unbedingt positiven Folgen für die Weltpolitik. Diese Geschichte ist auch stilistisch bemerkenswert, weil in Form eines Mosaiks von Zeitzeugen-Zitaten geschrieben; versteckt darunter sogar zwei authentische, viel Glück bei der Suche! General Douglas MacArthur als tragischer Heldentor ("Not Fade Away") und Napoleon als Herrscher des Kaiserreichs Louisiana ("Empire") vervollständigen das alternative Historien-Kabinett. Und daran zeigt sich auch ein weiterer Grundzug von Sanders' Geschichten: Mehr oder weniger ehrenwerte Männer bei der Erfüllung ihrer - oft blutigen - Pflicht: Sei es der glücklose US-General, sei es der Reservatspolizist Davis Blackbear im oben genannten "World on Fire" - oder der Leiter einer Luftbrigade, die Passagierflugzeuge gegen die Attacken von "Engel" genannten Kreaturen verteidigt ("Angel Kills"): Bewusst wird dabei der Hintergrund der Angriffe ausgespart und der Fokus ausschließlich auf das Verhalten von Menschen im Stress des Krieges gerichtet. Nicht umsonst weist Autorenkollege Richard Bowes, der ebenfalls ein Vorwort zu der Sammlung beigesteuert hat, darauf hin, dass Sanders ein großer Bewunderer von Ernest Hemingway ist - mit "Amba" ist sogar eine astreine Hemingway-Hommage enthalten.

    Keine Zweifel über das Geschehen aufkommen lassende Klarheit, trockener Humor und gelegentliche Kraftmeiereien ergeben einen auf sehr positive Weise männlichen Stil. Die gewählten Szenarien können dabei ebenso düster wie komisch sein: In "He Did The Flatline Boogie And He Boogied On Down The Line" engagiert ein Blues-Musiker einen Dealer für die Suche nach einem Mädchen, das von Necrodone abhängig ist: einer synthetischen Droge, die den zeitlich befristeten klinischen Tod hervorruft. Die Geschichte ist dreckig, morbide - und ausgesprochen gut. Ebenso wie das in einer ähnlichen Nahzukunft spielende aber genial komische "Looking for Rhonda Honda", einer klassischen Detektivgeschichte inklusive geheimnisvoller Unbekannter, die in die Agentur des public investigators Johnny Noir(!) gestöckelt kommt. Als hätte der mit seiner gendergemorphten Ex-Frau, die jetzt als Wrestler Mad Marvin auftritt, nicht schon genug Probleme, muss Noir es auch noch mit mörderischen Motorradbräuten aufnehmen. Mit Knalleffekt am Schluss!

    Selten - und dann gar nicht so schlecht - steht eine Frau im Mittelpunkt. Im beklemmenden "Creatures" besucht Erzählerin Alison eine Cocktail-Party von Unsterblichen, auf der die Gastgeberin Exemplare seltener Spezies präsentiert; als Hauptattraktion sogar eine alte Frau, die The Process nicht durchlaufen hat und sterblich geblieben ist. Nur am Rande erfährt man, dass der Großteil der Erdbevölkerung einst für The Process einen unmenschlichen Preis bezahlen musste - umso schrecklicher, als dies für die Erzählerin keinerlei Rolle spielt, da sie die ganze Zeit über nur daran denkt, wie sie die verhasste Gastgeberin übertrumpfen kann. - Abschließend sei noch "At Ten Wolfe Lake" erwähnt, in dem Sanders aus der Warte eines Bigfoot - pardon: Hominid American - so manchen Eiertanz der Political Correctness gnadenlos verarscht. Gallig wägt der als Frachtpilot in Alaska arbeitende Bigfoot ab, ob Dynamit oder doch Passagiere die schlimmere Ladung seien: Well, at least they wouldn't explode. On the other hand dynamite doesn't get airsick. Or want to talk. - Nicht umsonst heißt es in einer am Einband zitierten Rezension: Sanders is witty, caustic, clever, cynical, and not very PC at all. Eindeutige Leseempfehlung!

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