Zufriedenheit brach in Ostblock-Staaten nach Wende massiv ein

10. Juni 2009, 19:14
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Studie: Lebensunterhalt, Familie und Gesundheit litten im Übergang zum Kapitalismus - "Belastungen für die Menschen waren enorm"

Frankfurt/Main - Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist die Lebenszufriedenheit in den ehemaligen Ostblock-Staaten massiv eingebrochen. "Man könnte erwarten, dass die Auflösung der Polizeistaaten und die Zunahme politischer und bürgerlicher Rechte in vielen Übergangsländern das Wohlbefinden gesteigert hätten", sagt Richard Easterlin von der Universität von Südkalifornien. Das Gegenteil ist der Fall, wie Befragungen von Menschen aus 13 Ländern zwischen den Jahren 1989 und 2005 zeigen.

Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers wird der Einfluss der politischen Umwälzungen auf die Lebensqualität der Betroffenen bisher weitgehend ignoriert. "Die Belastungen des Übergangs für die Menschen waren enorm, Millionen Leben wurden auf den Kopf gestellt", sagt Easterlin. "Das Bruttosozialprodukt pro Person gibt darüber fast keinen Aufschluss."

Der Studie zufolge brach die Lebenszufriedenheit der Befragten unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Wechsel zum Kapitalismus ein. "Wenn man Menschen nach dem Grund ihres Befindens fragt, verweisen sie nur selten auf die politischen Umstände", erläutert Easterlin. "Vielmehr äußern sie jene Sorgen, die ihr Leben hauptsächlich bestimmen, insbesondere Lebensunterhalt, Familie und Gesundheit."

Genau in diesen Bereichen ist die Unzufriedenheit offenbar am größten - bei Männern und Frauen gleichermaßen. Dies spiegelt sich auch in der Zunahme von Scheidungen, Suiziden, Gewaltdelikten und Alkoholismus wider. Positiv bewertet wurden allerdings die besseren materiellen Bedingungen und das größere Warenangebot. "Der positive Einfluss materieller Bedingungen wog den Verlust von Arbeitsplatzsicherheit, Gesundheits- und Kinderfürsorge sowie Altersvorsorge nicht auf", sagt Easterlin. Besonders litten darunter die älteren Befragten, die sich in den zusammengebrochenen Staaten beruflich schon etabliert hatten.

Zwar steigt die Lebenszufriedenheit in diesen Ländern seit etlichen Jahren wieder, aber bis 2005 hatte sie das frühere Maß noch nicht erreicht, wie Easterlin im "Journal of Economic Behavior and Organization" berichtet. Die Studie belegt nach Ansicht des Forschers, wie stark die politischen Veränderungen in das Leben der Menschen eingriffen. Gleichwohl warnt er davor, die subjektiv geäußerte Zufriedenheit mit Lebensqualität gleichzusetzen. (APA/AP)

 

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