"Große Entdeckungen sind unplanbar"

9. Juni 2009, 18:18
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Tim Hunt erhielt 2001 den Nobelpreis für Medizin - Klaus Taschwer sprach ihm über das Wesen von Forschung und darüber, warum er nicht gegen das Klonen von Menschen ist

STANDARD: Sie arbeiten an einem Krebsforschungsinstitut und untersuchen seit vielen Jahren an Froscheiextrakten grundlegende Mechanismen der Zellteilung. Wie geht das zusammen?

Hunt: Ganz einfach: Beim Krebs ist die Zellteilung außer Kontrolle geraten. Bei meiner Forschung geht es allerdings um den Normalfall: Ich versuche, besser zu verstehen, welche Signale dazu führen, dass diese komplizierte Maschinerie der Chromosomenteilung angeworfen wird. Also warum jetzt und nicht fünf Minuten vorher oder zehn Minuten später oder in drei Tagen. Das heißt aber auch, dass ich Tumorzellen so gut wie nie zu Gesicht bekomme.

STANDARD: Macht es dann überhaupt einen Unterschied, dass Sie für Cancer Research UK arbeiten?

Hunt: In einem Krebsinstitut zu arbeiten verändert jedenfalls die Art und Weise, wie man bestimmte Dinge angeht. Das war auch so, als meine eigene Mutter an Krebs starb. Für mich als ihren Sohn war das natürlich ganz furchtbar. Aber aus biologischer Perspektive war es extrem interessant. Ich sah bestimmte Dinge, die wir noch nicht verstehen, die wir aber unbedingt verstehen sollten - und die wir sicher einmal verstehen werden.

STANDARD: Helfen Ihre Erkenntnisse, wenn jemand Krebs hat?

Hunt: Eindeutige Antwort: Nein. Aber solche Forschungen, wie ich sie betreibe, können zum Beispiel Beiträge dazu leisten, die genetische Basis von bestimmten Krankheiten zu verstehen. Erst gestern war ich auf einem Empfang der Gesellschaft für Ataxia teleangiectasia. Das ist eine tückische Erbkrankheit; die davon Betroffenen sterben meist schon, bevor sie 20 sind. Ich traf dort Eltern, deren Kind an dieser sehr seltenen Krankheit leidet - nur wussten das die Eltern sechs Jahre lang nicht. Dann fand man die Mutation auf dem AT-Gen, und jetzt wissen sie immerhin, womit sie es zu tun haben. Es ist immer besser, etwas zu wissen als nicht zu wissen - selbst wenn es so furchtbar ist.

STANDARD: Sie haben 2001 für Ihre Forschungen zum Zellzyklus den Medizin-Nobelpreis erhalten. Wie schafft man es eigentlich, Laureat zu werden?

Hunt: Das Wesen der Forschung ist ihre Unvorhersehbarkeit. Wenn man ohnehin alles schon vorher wüsste, dann gäbe es keinen Grund, Wissenschaft zu treiben. Nobelpreisträger werden dafür ausgewählt, große Entdeckungen gemacht zu haben, die per definitionem unplanbar sind. Politiker hassen das. Aber so ist es nun einmal. Jemanden auf den Mond zu bringen, ist dagegen vergleichsweise einfach: Dazu braucht es nur viel Geld, einen guten Plan und richtige Berechnungen.


STANDARD: Trotzdem: Was könnte man forschungspolitisch anstellen, dass man es auch in Österreich irgendwann wieder einmal schafft, in Stockholm vertreten zu sein?

Hunt: Ich denke, dass man an bestimmten Einrichtungen wie dem Institut für Molekulare Pathologie (IMP) sehr gut unterwegs ist. Ich kam Anfang der 1990er-Jahre nach Wien, und schon damals war das IMP sehr auffällig - sowohl in seiner Strenge und auch in seiner Kreativität. Und es ist toll, wie dieser Same der Exzellenz sich am Campus des Vienna Biocenter immer weiter ausgebreitet hat. Im Grund ist es ja ganz einfach: Man findet sehr gute Leute und lässt sie machen.


STANDARD: Das ist alles?

Hunt: Nun, das klingt einfacher als es ist. Ich arbeitete zum Beispiel am Anfang meiner Karriere an einem Institut, dessen Vorstand ein unglaubliches Gespür für Mediokrität hatte und geradezu mit einen Anti-Midas-Touch gesegnet war. Der ermutigte alle hellen Köpfe, das Institut zu verlassen. Es gelang ihm sogar, Fred Sanger loszuwerden, kurz bevor der seinen zweiten Nobelpreis gewann. Als ich dann wegging, wurde mir schlagartig klar, wie wichtig auch in der Wissenschaft Leute mit Führungsqualitäten sind - Leute, die großzügig und selbstlos das Talent junger Kollegen fördern.


STANDARD: Wie wichtig ist Geld, um exzellente Forschung zu betreiben?

Hunt: Ich bin mir da nicht so sicher. Ich machte meine Forschungen noch für ein Butterbrot, und ich kenne viele Kollegen, bei denen es ähnlich war. Es hat sich aber auch einiges geändert: Für bestimmte Dinge braucht man heute einfach Tonnen von Geld.

STANDARD: Zum Beispiel für leistungsfähige Sequenzierer. Lohnt sich das?

Hunt: Die Daten, die diese Geräte liefern, sind zweifellos spannend. Aber ich halte das für weniger produktiv, als viele Leute denken. Ursprünglich glaubten ja manche, dass wir sogar das menschliche Bewusstsein verstehen würden, wenn das Genom erst sequenziert wäre. Das ist natürlich völlig lächerlich. Man kann nicht einmal die Form der Nase aus der DNA ablesen. Kurzum: Richtig bahnbrechende Entdeckungen werden immer noch in abgelegenen Ecken der Forschung gemacht und nicht im modischen Mainstream.

STANDARD: Wie ist die finanzielle Situation von UK Cancer Research?

Hunt: Unsere Einrichtung ist voll und ganz durch Spenden der Öffentlichkeit und ohne staatliche Mittel finanziert: Leute, die ihre Verwandten durch Krebs verloren haben, alte Frauen, die Geld sammeln. Im Moment sind wir in Schwierigkeiten und können im Moment keine neuen Leute anstellen. Ich hoffe ja sehr, dass Cancer Research UK zumindest noch Geld hat, wenn meine Pension zu bezahlen ist.


STANDARD: Immerhin ist man in Großbritannien - anders als in Österreich oder Deutschland - in bioethischen Fragen vergleichsweise liberal. Woran liegt das?

Hunt: Sorry, aber ich verstehe umgekehrt nicht, warum man hier so strikt dagegen ist - gerade auch in Fragen der Stammzellforschung. Nehmen wir an, eine meiner beiden Töchter gerät unter einen Bus, und es gäbe die Möglichkeit, Hautzellen aus ihrem Körper rückzuprogrammieren und daraus eine genetisch identische Tochter herzustellen. Warum soll das böse und schlecht sein? Okay, es funktioniert wahrscheinlich nicht, aber das ist ein ganz anderes Argument. Ich habe keinen Wunsch, mich klonen zu lassen. Das wäre ja blödsinnig. Aber ich halte es für legitim, jemanden unter bestimmten Umständen durch Klonen zurück ins Leben bringen zu wollen. (STANDARD, Printausgabe, 10.6.2009)

Zur Person
Tim Hunt, eigentlich Sir Richard Timothy Hunt (66), begann seine Karriere als Biochemiker in Cambridge. 2001 erhielt er zusammen mit Paul Nurse und Leland H. Hartwell den Medizin-Nobelpreis "für ihre Entdeckungen betreffend der Kontrolle des Zellzyklus". 2006 wurde er zum Ritter geschlagen.

  • Tim Hunt, einmal vor und einmal hinter der Kamera: "Ich habe keinen Wunsch, mich klonen zu lassen. Das wäre ja blödsinnig. Aber ich halte es für legitim, jemanden unter bestimmten Umständen durch Klonen zurück ins Leben bringen zu wollen."
    fotos: der standard/corn

    Tim Hunt, einmal vor und einmal hinter der Kamera: "Ich habe keinen Wunsch, mich klonen zu lassen. Das wäre ja blödsinnig. Aber ich halte es für legitim, jemanden unter bestimmten Umständen durch Klonen zurück ins Leben bringen zu wollen."

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