Ahmadi-Nejad hofft auf einen "Tsunami"

9. Juni 2009, 19:40
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Herausforderer Mir-Hossein Mussavi in allen Umfragen vorne - Mit Stichwahlen wird gerechnet

Mahmud Ahmadi-Nejad zeigt Nerven. Bei der letzten Fernsehrunde sprach der iranische Präsident mehrmals seinen Diskussionspartner mit „Herr Mussavi" an - obwohl ihm sein konservativer Herausforderer Mohsen Rezaie gegenübersaß.
Kein Wunder, dass dem iranischen Präsidenten, der sich am Freitag bei den Präsidentschaftswahlen um eine zweite Amtszeit bewirbt, Mir-Hossein Mussavi nicht aus dem Sinn geht. Es zirkulieren Meinungsumfragen, die Mussavi sogar auf dem Land, wo Ahmadi-Nejad weiter stark ist, einen Sieg prognostizieren. Eine von der linken Nachrichtenagentur Ilna veröffentlichte Umfrage sieht Mussavi in den großen Städten sogar mit 70 Prozent der Stimmen (Ahmadi-Nejad 15 Prozent) vorne. Es gibt hohe Abweichungen zwischen den Umfragen, jede Seite richtet sich die Daten zurecht, wie sie sie braucht. Aber auch regierungsfreundliche Institutionen kommen in ihren Umfragen auf satte Vorsprünge Mussavis von bis zu 15 Prozent, auf den ganzen Iran gerechnet.

Trotzdem hat Ahmadi-Nejad noch nicht verloren. Er hofft auf einen Tsunami, wie die konservative Zeitung Keyhan schreibt. Das Straßenbild Teherans zeigt aber einen anderen Tsunami. Tausende junge Leute, alle etwas Grünes mit sich tragend, bildeten am Montag eine 20 Kilometer lange Menschenkette auf der längsten Einkaufsstraße der Welt, der Vali Asr, die die iranische Hauptstadt von Norden bis Süden durchzieht. Sie tanzten und sangen und riefen einen Namen: Mir-Hossein Mussavi.

Am Straßenrand diskutierten Menschen, es lief friedlich und fröhlich ab. Manche sahen angesichts der Mobilisierung Parallelen zu den Anfängen der Revolution vor 30 Jahren. „Was ist nur im Iran los?", fragt eine ältere Frau, und ein junges Mädchen mit einem Bild Mussavis in der Hand, mit der Aufschrift „A new greeting to the world", antwortet lachend: „Mami, wir wollen frei sein!"

Im Innenministerium haben die Vorbereitungen für einen zweiten Wahlgang bereits begonnen: Wenn keiner der Kandidaten auf Anhieb 50 Prozent erreicht, wird es eine Stichwahl in zwei Wochen geben. Es werden bereits neue Wahlzettel gedruckt und neue Wahllokale zugewiesen.

Man rechnet mit einer hohen Wahlbeteiligung. Mussavi könnte es gelingen, die schweigende iranische Mehrheit wieder zu reaktivieren, wie Mohammed Khatami im Jahr 1997. In Iran sind 46 Millionen Menschen wahlberechtigt. Man spricht von drei bis fünf Millionen möglicher „schmutziger Wahlzettel", die zugunsten Ahmadi-Nejads ins Spiel gebracht werden könnten. Die Liberalen hoffen, sie gegebenenfalls durch eine hohe Wahlbeteiligung zu neutralisieren. (Amir Loghmany aus Teheran/ DER STANDARD Printausgabe, 10.6.2009)

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    Es gibt sie: Unterstützer von Präsident Ahmadi-Nejad.

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