Enziprohibition

9. Juni 2009, 12:18
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Angeblich soll das Trinken im MQ-Hof verboten werden

Es war vorhin. Da war M. schlagartig empört: Die Sache sei typisch für Wien: Erst werde etwas erfunden. Danach werde es promotet. Und wenn es angenommen wird, freut man sich laut und öffentlich, wie super das Ding sei. Doch dann, wenn es wirklich funktioniert, weil es allen gratis zur Verfügung steht, entdeckt man den Haken: Es stört irgendwem das Geschäft. Oder gefällt einigen doch nicht. Und prompt wird verboten. Bloß: Keiner weiß, wie man das exekutieren soll. Und wie man das denen, denen man es gegeben hat, kommunizieren soll: Wien, meint M., sei in der Disziplin des autonomen Problemekreierens ziemlich unschlagbar.

Kurz: M. war sich sicher, dass es einfach blöd und gemein sei, im Hof des Museumsquartieres das zu verbieten, wofür der Hof des Museumsquartieres steht: Das Abhängen auf den Enzi-Liegen. Und das Abhängen auf den Treppen zu den Museen. Hatte nicht einst sogar die MQ-Verwaltung selbst diese Stiegensitzerei als Wiener Pendant zur spanischen Treppe in Rom angepriesen? Und finden sich entspannt auf den Enzi abliegende Jungmenschen mit nicht ganz konformistischem Outfit nicht auch in fast jedem Tourismusfolder der Stadt wieder? Und ist man in Wien nicht ganz offiziell auch stolz darauf, dass unheimlich viele Menschen die Höfe des MQ als Erholungszone nutzen?

Knieschuss

M. schnaubte: Das alles zu verbieten, sei schwachsinnig. Ein Schuss ins Knie. Ein unsympathischer Akt. Dumm. Also typisch Wien. Freilich: Streng genommen und offiziell sieht die Sache ja anders aus. Es gehe, heißt es, bloß um selbst mitgebrachten Alkohol. Um die Auswüchse. Bloß: woran erkennt der vorbeilaufende Sicherheitsmann, was genau man trinkt? Bierflaschen und -dosen, Doppler oder Schnapsflaschen zu identifizieren, meint M., sei das Eine. Aber für wie blöd, setzt sie fort, halte man denn die Leute, die da den Abend im MQ "verenzen"? Soll der Hof zu einem Ableger der USA werden, wo man die Drinks in Papiersackerln versteckt, damit die Form erfüllt ist und man nicht in der Öffentlichkeit trinkt?

Oder wollen die Aufpasser in Zukunft an jede Gruppe auf einer Plastikliege herantreten, ihnen einen Becher reichen und per Verkostung überprüfen, ob in der Coladose tatsächlich Cola ist? M. beutelte sich: Das Anmuten, den Konsum von selbstmitgebrachten Alkoholika auf den Enzi und den Stufen zu verbieten, sei entweder nicht ernst gemeint - oder der Anfang vom Ende des Knotzens im Hof.

Dialogszenario

M. entwarf auf die Schnelle ein Dialogszenario, in dem ein MQ-Aufpasser einer Gruppe Jugendlicher nachweisen will, dass sie nicht bloß säßen, sondern auch tränken, sobald er ihnen den Rücken zukehrt. Vermutlich Alkohol. Und weil das nicht so wirklich nachweisbar sei, werde eben das Rauchen auf dem öffentlich Sitz das nächste Problem werden, meinte M.: Die Kippen. Die Brandflecken. Und so weiter. Man möge, endet Ms. imaginärer Dialog dann in einem Befehl des Sicherheitsmannes, gefälligst drei Meter weiter gehen: Dort sei ein Gastgarten. Dort sei alles erlaubt, was hier auf dem Enzi verboten sei. Man müsse halt dafür zahlen. "Absurd - aber typisch. Und durchaus im Zeitgeist", schloss M.

Ich stimmte ihr zu. Prinzipiell. Aber dann wollte ich doch ein wenig dagegenhalten: Wer zeitig in der Früh durch das MQ läuft (oder geht) sieht nämlich die Kehrseite der Medaille des schönen öffentlichen Knotzraumes: Der wird da nämlich auch zum Kotzraum. Rund um die Liegen türmen sich mitunter Berge von Scherben. Und andere Relikte der nächtlichen Gelage: (Nicht nur) fummelnde Pärchen, schlafende Tramps und Obdachlose auf den Liegen sind noch der charmante Teil des Panoramas. Oft genug aber prägen Erbrochenes und andere Ausscheidungen das optische und olfaktorische Bild.

Bewohnerklage

Und die Bewohner der MQ erzählen oft und gern, dass es nächtens hier mitunter laut sein kann. Weniger wegen allzu fröhlich feiernden Menschen, als wegen einzelner Vandalen, die sich im Flaschenzerdeppern üben: Je leiser und von Verkehrsrauschen ungestört ein Areal sei, umso lauter steche das plötzliche Klirren darin dann hervor. M. schaut nachdenklich: das, räumt sie ein, sei natürlich auch ein Argument. Aber, setzt sie fort, die Lösung dafür wäre die nun angeblich kommende Enzi-Prohibition auch nicht. Oder?

Ich stimme ihr zu. Voll und ganz. Und erinnere mich an jene Forderung, die MQ-Bewohner schon seit es das MQ in seiner jetzigen Form gibt nur halblaut auszusprechen wagen. Die Hofstallungen waren früher nämlich eine Burg. Zumindest in der Nacht: Da wurden die Tore zugesperrt. Und man hatte drin seine Ruhe. Das war schön so. Zumindest für die, die drinnen sein durften. Und ein bisserl, sind M. und ich uns einig, wirkt das, was da gerade passiert, so, als versuche man sich diesem "Ideal" von einst jetzt wieder zu nähern. Langsam und schrittweise. Bis die Tür dann wieder zugesperrt wird. Und das wäre wirklich typisch Wien. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 8. Juni 2009)

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