Polemik verdrängt Resultate

7. Juni 2009, 19:53
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In einer Fernsehdebatte kam es zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen dem liberalen Kandidaten Bayrou und dem Grün-Politiker Cohn-Bendit

Nach einem äußerst aggressiven Wahlkampffinale interessierten sich die Franzosen nur noch in zweiter Linie für das Resultat der einzelnen Parteien. Ohnehin rechnete niemand mit größeren Gewichtsverschiebungen: Der regierenden „Union für eine Volksbewegung" (UMP) von Staatschef Nicolas Sarkozy wurde die Führung prophezeit, dem oppositionellen Parti Socialiste die zweite Position. Um den dritten Platz kämpften die Zentrumspartei „Mouvement Démocrate" (MoDem) und die grüne Bewegung „Europe Ecologie". Eher einen Rückschlag erwarteten die Radikalparteien - links außen der „Nouveau Parti Anticapitaliste" (NPA) von Olivier Besancenot, rechts der „Front National" (FN) von Jean-Marie Le Pen und seiner Tochter Marine. Mehr zu reden als das Wahlresultat gibt in Frankreich die letzte Wahlkampf-Fernsehsendung, in der einzelne Spitzenkandidaten aneinander gerieten. Der Grüne Daniel Cohn-Bendit und MoDem-Chef François Bayrou lieferten sich, obwohl einander politisch nahestehend, einen verbalen Schlagabtausch, der in seiner Heftigkeit sogar die einiges gewohnten Franzosen verblüffte.

Bayrou warf Cohn-Bendit vor, dessen Kritik an Sarkozy sei aufgesetzt; in Wahrheit besuche er den Präsidenten öfters im Elysée-Palast. Der „rote Dany" rechtfertigte dies mit seiner Funktion als Fraktionschef und bezeichnete die Vorwürfe als „gemein" und „niederträchtig"; er unterstellte Bayrou, sich einzig für seinen Erfolg bei der Präsidentschaftswahl 2012 zu interessieren, und fügte höhnisch an: „Aber du wirst nie im Leben Staatspräsident." Bayrou warf seinem Gegenüber darauf vor, selbst „niederträchtig" gehandelt zu haben, indem er im Zuge von 1968 mit Minderjährigen herumgespielt habe.

Auch andere Kandidaten äußerten sich während der Sendung gehässig. „Gehen Sie zum Teufel", empfahl der Chef der französischen „Gauche" (Linke), Jean-Luc Mélenchon, der Gesprächsleiterin, die ihm das Wort abschnitt. Schon während der Sendung, aber auch nachher schimpfte Marine Le Pen über die Manipulation der Umfragen, der Sendung und der Gesprächsleiterin durch das „Elysée" - das heißt durch Sarkozy.

Die unübliche Heftigkeit der Debatte spreche Bände über die „aufkommenden Rivalitäten" vor den Präsidentschaftswahlen, kommentierte das Wochenmagazin L'Express. Zwei Jahre nach der Wahl Sarkozys scheint es in der Tat, als polarisiere der Staatspräsident mehr denn je. Wenn die Nerven schon jetzt blank liegen, darf man gespannt sein auf den Präsidentschaftswahlkampf. Die TV-Debatte - und die EU-Wahl - haben wohl erst einen Vorgeschmack gegeben. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2009)

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