Kongress der Terroristen auf dem Lande

7. Juni 2009, 18:10
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Während in Wien noch sein "Zerbrochner Krug" lief, präsentierte Regisseur Peter Stein Dostojewskijs "Die Dämonen" als Zwölf-Stunden-Marathon auf seinem umbrischen Landsitz

Ein Triumph vor auserwähltem Publikum.

Zu den legendären Marathons der Theatergeschichte gesellt sich seit den letzten Wochenenden ein weiterer. Peter Stein hat seinen eigenen Vollständigkeitsunternehmungen - Orestie, Faust, Wallenstein - eine neue folgen lassen: die "Nacherzählung" des 1000-seitigen Dostojewskij-Romans Die Dämonen in zwölf Stunden.

Außergewöhnlich die Umstände, außergewöhnlich der Spielort. Nachdem das Teatro Stabile di Torino als Auftraggeber die sukkzessiven Ausuferungen einer Zehn-, Zwölf-Stunden-Version nicht mehr mittragen wollte, beschloss Stein, die Früchte seiner und der Schauspieler Arbeit einer beschränkten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Und zwar in seinem "Proberaum", den sich der Meister 200 Meter entfernt von einem Landsitz, dem mittelalterlichen Borgo San Pancrazio, in einen Hang einfügen ließ, um monatelange Produktionszeiten lieber zuhause als in Hotelzimmern verbringen zu können. Ein Proberaum, der eher ein aus Naturstein errichtetes Privattheater in den umbrischen Wäldern ist.

Vier Vorstellungen fanden hier statt, in Probekostümen und mit angedeuteten Bühnenbildteilen, von elf Uhr früh bis elf Uhr nachts, unterbrochen nur von sechs Pausen.Vor jeweils 96 Zuschauern. Die Dämonen wurden in den 1980ern in verschiedenen Versionen auf den Spielplan gesetzt, um Bezug auf die Entstehung des Stalinismus oder die Gruppendynamik innerhalb der RAF nehmen zu können.

Dostojewskij entwirft ein komplexeres, nahezu sadistisches Gesellschaftspanorama Russlands, sodass es nur verständlich erscheint, dass sich Stein auf keine Verkürzungen einlassen wollte. Anfänglich reibt man sich ein wenig die Augen angesichts des Post-Post-Stanislawskij-Spielstils, den man aber bald sehr zu genießen beginnt. Vor allem dank des wahrscheinlich besten Ensembles,das in letzter Zeit südlich der Alpen auf einer Bühne gestanden hat.

Dostojewskij ohne Arien

Peter Stein ist es als erstem Regisseur seit Menschengedenken gelungen, 27 italienischen Schauspielern den Hang zum "Rezitieren" und "Arien-Singen" auszutreiben, ohne ihnen die Spiellust zu rauben. Stattdessen obwalten Genauigkeit, Konzentration, Vielfalt, Einsatzfreude, Kammerton. Ein mittleres Wunder. Hinzu kommen Dialoge von feinstem Humor und umwerfender Komik. Die Szenen gleiten leicht und flüssig ineinander, sodass Langeweile erst gar nicht aufkommt.

Mit zunehmender Dauer allerdings nimmt zwar nicht die Qualität der Aufführung, aufgrund des Inhalts aber zwangsläufig die gute Laune ab. Dostojewskij gießt Hohn und Spott über die liberalen "Gutmenschen" seiner Zeit aus, Biedermänner und -frauen, die die Brandstifter in ihren Salons hätscheln.  In einer schier endlosen Serie von Auftrags- und Meuchelmorden, trostlosen Toden, freiwilligen und induzierten Sebstmorden vernichtet er erbarmungslos sein Personal und jede Aussicht auf Hoffnung.

Der liberale Philosph und "Ziehvater des linken Terrorismus" verendet mit dem Wunsch, Russland dem Jesuskindlein anzuvertrauen, während sich als einziger ausgerechnet sein verbrecherischer Revolutionärs-Sohn in die Schweiz rettet. "Einen schönen Tag am Land" hatte Zeremonienmeister Stein eingangs gewünscht, eher "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" ist es letztlich geworden.

Angesichts des geballten Aufkommens europäischer Festvaldirektoren besteht berechtigte Hoffnung, die Aufführung doch noch in der intendierten Form zu erleben. (Robert Quitta aus San Pancrazio  / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.6.2009)

  • Das umbrische "Dämonen"-Ensemble mit dem stummem Peter Stein (Mi.) als Popen.
    foto: tommaso le pera

    Das umbrische "Dämonen"-Ensemble mit dem stummem Peter Stein (Mi.) als Popen.

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